Gorgmorgs kleine Medienschau, November 2016

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Noch ist November und auch am 30.11. kann ich noch schnell eine Ausgabe nachschieben, oder? Diese hier ist nicht ganz so umfangreich, beim nächsten Mal gibt es dann mehr.

Ultra-HD, 4K und HDR

Ich habe einen neuen Fernseher – einen mit der noch volleren HD Auflösung als Full-HD und diesem aufkommenden HDR-Feature (High Dynamic Range), womit größere Helligkeitsunterschiede als zuvor wiedergegeben werden können – kurz gesagt, die so viel kontrastreicheren Farben “knallen” bei den entsprechend produzierten Filmen und Spielen um einiges besser. Von beiden Neuerungen macht meiner Ansicht nach HDR am meisten aus und wird bisher noch weniger als Ultra-HD bzw. “4K” (dabei handelt es sich um die Kino-Bildauflösung, die beinahe von den Ultra-HDs erreicht wird) unterstützt. Womit ich nicht sagen will, dass es keine Inhalte gibt – sowohl Amazon Prime Video als auch Netflix hat einen ganzen Haufen passenden Stoff, wobei man bei Netflix für 4K und HDR eine geringfügig höhere monatliche Gebühr zahlen muss.
Ist es das alles wert? Kommt ganz drauf an, ob man bereits einen großen Fernseher hat. Ich würde sagen, dass Ultra-HD auf einem 32-Zöller vom üblichen Sofa-Abstand aus nicht von Full-HD zu unterscheiden ist. Man braucht schon eine große Kiste, um etwas davon zu haben, aber dann… ist das Bild schon eine Offenbarung. Man sieht einfach so viel mehr – inklusive jedem einzelnen Fältchen bei zuvor makellos wirkenden Stars! Darauf haben wir alle gewartet, richtig? Genau, darauf haben wir alle gewartet.

Mangels entsprechender Konsole habe ich Gaming auf dem großen Teil noch nicht ausprobieren können, aber wenn ihr eh schon so viele Stunden mit dem streamen von Filmen und Serien verbringt würde ich bei einer anstehenden TV-Anschaffung ernsthaft empfehlen, bei nicht gewaltigen Mehrkosten in den neuen Standard einzusteigen. Erwartet nur bloß nicht, dass hierzulande normales (Kabel/Sat…) Live-TV in den nächsten Jahren nachziehen wird – für Fußball braucht ihr das alles nicht.

Cosmos (2014)

Nicht nur über den Kosmos, sondern über die Geschichte der Wissenschaft selbst in ganz großartigen Bildern – eine Dokuserie in 13 Teilen, die “in groß” noch viel großartiger aussieht – auch wenn die ganz hohen neuen HD-Auflösungen zumindest auf Netflix nicht unterstützt werden. Toll von Neil DeGrasse Tyson erzählt, visuell mit dem größten denkbaren Aufwand realisiert- ich denke, auch für etwas ältere Kinder absolut spannend und sehenswert. Die Serie ist schon ein paar Jahre alt und wurde euch vielleicht schon ein paar Male nahe gelegt, da kann eine weitere Empfehlung nicht schaden, oder?
Die Serie lief auch unter “Unser Kosmos: Die Reise geht weiter” (Original: “Cosmos: A Spacetime Odyssey”).

Shannara Chronicles (Amazon Prime, 2016)

Einer der ersten von vielen, vielen Fantasyschinken in meiner Jugend war ein dickes Taschenbuch namens „Die Elfensteine von Shannara“ von Terry Brooks – damals ein ziemlich typisches Genrewerk der 80er Jahre mit allem was so ein Fantasyschinken braucht – Zauberei, magische Bäume, Elfen, Dämonen und so weiter. Nun ist genau dieses Buch eine Amazon Prime Serie und nicht mehr nur eine Fantasygeschichte, es ist auch gleichzeitig eine ganz entschieden grünere Version von “Mad Max”: Das Geschehen findet auf den Ruinen unserer Welt nach dem “großen Knall” statt. An vielen Orten erkennt man die die Hinterlassenschaften unserer untergegangenen Zivilisation. Davon war in den damaligen Büchern damals nicht unbedingt viel zu lesen und wurde größtenteils später von Brooks selbst und später noch verstärkt von den Serienmachern nachträglich hinzugefügt – der ‚Post Doomsday‘ Aspekt funktioniert allerdings in den meisten Momenten ganz gut. Viel eigentümlicher empfand ich die Besetzung von 99% der Rollen mit Model-Level makellosen, perfekt frisierten Personen – der arme John Rhys-Davies wirkt da bisweilen wie ein Fremdkörper als der einzige einigermaßen normal aussehende Mensch, äh, Elf. Im Großen und Ganzen macht das Personal seine Rolle aber ganz gut. Obwohl es der einzigen vorliegenden Staffel zwischendurch immer mal wieder die Puste ausgeht und es sich ermüdend oft darum dreht, zu welcher der weiblichen Hauptfiguren sich der jugendliche Held Wil Ohmsford in diesem Moment gerade ein klein wenig mehr hingezogen fühlt – immer wieder gibt es ein paar spannende Wendungen und einige beachtliche Schauwerte – Amazon hat offensichtlich nicht geknausert.
Die Handlung der ziemlich dicken „Elfensteine“-Romanvorlage ist nach dieser ersten Staffel bereits auserzählt und da man anscheinend keine neuen Heldinnen und Helden für die viel, viel später spielenden Fortsetzungen einführen will, bin ich sehr gespannt, wie es weitergehen soll.
Trotz einiger Fremdschäm-Momente aufgrund der Dialoge und einigen echten Blindgängern unter den Handlungsfäden: Ich wäre dabei.

Doctor Strange

© Marvel.com

© Marvel.com

Ich bin schon sehr lange Fan der Marvel Comics und ich mag auch die Filme, aber ich muss schon zugegeben, dass die letzten Ergebnisse aus dem hauseigenen Studio für meinen Geschmack zu sehr auf „Nummer sicher“ inszeniert wurden und man das bewährte Konzept vielleicht ein paar mal zu oft neu aufgegossen hat.
Nun treffen wir also Doctor Strange, mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle, dazu kommen Tilda Swinton, Mads Mikkelsen und… Chiwetel Ejiofor, dessen Namen natürlich auch ich noch einmal nachschlagen musste, um da ja keinen Fehler zu machen. Für Nicht-Eingeweihte: Der Herr Doktor ist tatsächlich von Haus aus Arzt, genauer: Ein hochtalentierter und hocharroganter Chirurg, der durch einen Unfall selbst zum Fall für die Reha wird und anfängt, nach alternative Heilmethoden für seine zerschundenen Hände zu suchen. Man ahnt es schon – das wird recht zauberhaft und damit erspare ich uns allen weitere Kalauer dieser Art.

Regie führt Scott Derrickson, der schon Horror wie Sinister oder Mystery wie Der Exorzismus von Emily Rose inszenierte und sich so durch reichlich Vorerfahrung für den neuen Job empfahl. Doctor Strange fühlt sich dennoch vor allem wie ein Marvel Studios Film an und hätte meine Meinung nach durchaus mehr Mysterien und mehr Horror vertragen können. Da es aber ein Marvel Studios Film ist, funktioniert die ganze bewährte Melange dank ordentlichem Schwung und einem ganz angenehmen Humor zumeist ganz gut, obwohl wieder eimal etwas zu zäh die Entstehungsgeschichte dieser etwas anderen Superheldenfigur und ihr erster Kampf gegen einen übermächtigen, aber trotz Mads Mikkelsen eher blassen Schurken erzählt wird. Hier hätte sich Marvel wieder einmal etwas zurücknehmen sollen und mutiger eigene Handschrift ihres durchaus talentierten Personals zulassen sollen – auch die eher schwachen Gegenspieler der Heldenfiguren sind ja eine bekannte Schwäche mit wenigen Ausnahmen wie z.B. Tom Hiddlestons Loki. Doctor Strange steht übrigens auf eigenen Füßen und der “Crossover-Effect” zu den anderen Filmen aus dem Marvel Cinematic Universe ist sehr gering – es handelt sich nicht um ein weiteres gefühltes Iron Man oder Avengers-Spin-Off.

Der glänzende Cast funktioniert um einiges besser, allen voran Cumberbatch und Tilda Swinton. Vielleicht sollte ich kurz auf die Kontroverse um die Besetzung von Stranges Mentor – ursprünglich eines älteren asiatischen Herrn – durch die eindeutig nicht asiatische Tilda Swinton, die auch in der Rolle keine Asiatin spielt – eingehen. Der Produktion wurde im Vorfeld Rassismus in Form von „whitewashing“ des Charakters vorgeworfen – eine seltene positive Rolle für asiatische Männer sei einer erneuten kaukasischen Version als Vehikel für einen Star gewichen. Nun, ich bin nicht ganz sicher wie ich mich da einordnen soll, denn der „alte Weise aus Fernost“ ist nun auch ganz eindeutig eine rassistische Stereotype, von denen die alten Comics – und nicht Doctor Strange allein – zentnerweise vorweisen konnten. Ob man ausgerechnet Swinton allein aufgrund ihrer Starpower im Mainstream besetzt hat, finde ich persönlich nicht wahrscheinlich. Man sollte vielleicht auch erwähnen, dass der Magier Wong („nur Wong“) in den Comics Stephen Stranges Kammerdiener war und hier auf Augenhöhe der anderen Charaktere und insbesondere auch mit Strange selbst agiert. Es ist ganz sicher nicht ganz einfach, einen Stoff wie diesen zu modernisieren, auch im Hinblick auf die Repräsentation von Frauen und man darf Marvel zumindest zugestehen, dass sie sich in dieser Hinsicht einige Gedanken gemacht haben. Wie erfolgreich dieses Unterfangen war, sei einfach mal dahingestellt. In jedem Fall bleibt Strange eher ein etwas zwiespältiger Held, der keine besondere Rücksicht auf die sicher irgendwie sinnvollen Natur- oder sonstigen Gesetze nimmt, wenn er es gerade für richtig hält; auch seine anderen negativen Eigenschaften sind nicht einfach verschwunden. Ich bin durchaus gespannt, wie sich dieser Charakter in Zukunft entwickeln wird.

Ganz sicher ein voller Erfolg ist die Umsetzung der schwer trippigen fremden Dimensionen und verzerrten Realitäten aus den Zeichnungen von Steve Ditko in überbordende 3D-Effekte – es gibt wenige Filme, deren 3D-Fassung ich euch so sehr ans Herz legen will wie dieser. Ich würde auch dazu raten, ihn unbedingt im Kino anzuschauen. Ich habe Doctor Strange übrigens wie üblich in der Originalversion gesehen und kann mich dazu zu den Qualitäten der Synchronisation nicht auslassen – allerdings musste ich mich doch sehr an Benedict Cumberbatchs Version eines amerikanischen Akzents gewöhnen.

Insgesamt: Ein insgesamt richtig guter, stimmungsvoller Marvelfilm mit einigen kleinen Längen, aber bestimmt eure Zeit wert. Es bleibt allerdings das Gefühl, dass hier mehr drin gewesen wäre.

Gorgmorgs kleine Medienschau, Oktober 2016

Lucifer

„Lucifer“ in Amazon Prime Video auf dem iPad. Es ist übrigens „Chloe Decker“ nicht „Dancer“. Ach, Amazon.

Lucifer (Fox/Amazon Prime, 2016)

Was macht der Teufel, wenn er kurz vor dem Burnout steht? Richtig: Er macht erstmal Urlaub und zwar bei den Sterblichen, wo auch sonst? Er nimmt sich eine Therapeutin, um seine Imageprobleme und seine Daddy-Issues zu verarbeiten und macht sich mit einem eigenen Nachtclub selbstständig. Außerdem macht er das, was schräge und dezent ambivalente Charaktere in den USA offenbar gern tun: Er sucht sich einen Kontakt bei der Polizei und hilft dabei, Kriminalfälle zu lösen. Produziert von Jerry “Con Air” Bruckheimer.
Meine Güte, die letzten Sätze waren schon ein bisschen schlimm, oder? Der gute Lucifer Morningstar hat dieses Ding mit dem Hobbydetektiv auch niemals gemacht, als er damals in dieser stets piekfein gekleideten Inkarnation von Neil Gaiman in seinem Comic Sandman eingeführt wurde und die Serie funktioniert auch genau dann am besten, wenn “Lucy” sich gerade nicht mit Mordfällen beschäftigt, sondern mit der Menschheit und der Unsterblichkeit und seinem mehr oder weniger freiwilligen Aufgabe als Höllenfürst hadert, vor der er sich hartnäckig drücken will. Tom Ellis ist aber so gut in der Rolle des durchaus charmant-schmierigen und gelegentlich singenden Ex-Engels, dass die Serie trotz ihrer nicht recht passgenauen Krimi-Strukturen funktioniert – stellt sie euch wie Castle vor, nur eben mit mehr Teufel. Es gibt bisher eine Staffel, mehr ist auf dem Weg.

Luke Cage (Marvel/Netflix 2016)

Marvels Serien auf Netflix waren bisher alle recht erfolgreich und auch von der Qualität her mehr als nur ordentlich – Daredevil und Jessica Jones sind so wohl auch Leuten ein Begriff, denen die Comics oder zweifelhafte frühere Verfilmungen mit Ben Affleck bisher keine Begriffe waren. Der Charakter Luke Cage kam – gespielt von Mike Colter – schon an der Seite von Miss Jones vor und bekommt hier seine ganz eigene Serie.
Alles sieht von der ersten Folge an richtig gut aus – im Gegensatz zu Daredevil, wo sich der eigene visuelle Stil erst im Laufe einiger Folgen fand. die Charaktere sind interessant, das Casting ist – wie man bei Marvel inzwischen erwarten darf – schlicht erstklassig. Tatsächlich spielen bisher alle Marvel/Netflix Projekte in New York, dennoch fühlt sich beispielsweise Hell’s Kitchen in Daredevil komplett anders an als Luke Cages Harlem.
Es gibt eine ganze Menge toller Szenen mit einem ganz gelungenen Humor und einen fantastischen Einsatz von Musik in der Serie, aber der Plot? Die Handlung entwickelt sich einfach nicht konsistent weiter, die Weiterentwicklung verschiedener Figuren von Szene zu Szene und von Folge zu Folge sieht man zum Beispiel in Jessica Jones aus dem eigenem Haus deutlich effizienter gemacht – jede Szene dort bringt die Geschichte weiter. Man scheint sich auch nicht ganz entscheiden zu können, wie nah man sich nun an den Comics orientieren will oder die Serie mehr auf eigenen Füßen stehen lassen will. Trotz dieser Schwächen: Luke Cage war für mich spannend, atmosphärisch und durchweg sehr unterhaltsam. Ich bin sehr gespannt, wie die hoffentlich kommende zweite Staffel aussehen wird.

Ash vs. Evil Dead (Starz/Amazon Prime Video, ab 2015)

Viele Jahre nach dem letzten Teil der Evil Dead Trilogie (alias “Tanz der Teufel”) 1993 ist Ashley “Ash” Williams immer noch dabei, in der Haushaltswarenabteilung verschiedener Filialen des S-Mart als… nennen wir es ungelernte Hilfkraft zu arbeiten. Natürlich kommen die Deadites zurück, weil er vielleicht eine winzige Dummheit im Suff begeht – nur gut, dass Schrotflinte und Kettensägen-Handprothese im griffbbereit Wohnwagen liegen. Der Mann mag zwar jede Art von Persönlichkeitsentwicklung ausgelassen haben, dafür sind einige Kilos dazu gekommen, ein paar Beißerchen fehlen inzwischen auch – aber wozu gibt es Bauch-weg-Korsett und künstliches Gebiss, wenn seine einzige wirkliche Begabung – kunstvolle Untotenzersägung nämlich – mal wieder gefordert wird?
Bruce Campbell, Sam Raimi, Rob Tapert und all die andern Leute aus Raimis Freundes- und Kollegenkreis kehren in ca 25 Minuten kurzen, knackigen, extrem (!) blutigen Episoden zurück zu ihren Wurzeln und es ist eine glorreiche Heimkehr, die sich in der ersten Linie am zweiten Teil der Filmtrilogie orientiert. Natürlich nimmt sich der Quatsch überhaupt nicht ernst, aber die Charaktere sind sympathisch und man hat es geschafft, neben Lucy “Xena” Lawless noch ein paar andere Leute zu besetzen, die neben dem überzeugend dämlichen Campbell nicht allzu blass aussehen. Ich will gar nicht zu viel schreiben – wer die alten Sachen mag, sollte sich sehr wohlfühlen und sich zumindest die von Raimi selbst inzenierte erste Folge geben. Ihr werdet sowieso weiterschauen. Wartet nur ab, wer in der zweiten Staffel als Ashs Vater auftritt…

Amazon Prime Video

Ich habe einen Probemonat für Amazons Prime Video Streaming Service begonnen und möchte gern ein paar Sätze dazu verlieren. Amazon bringt in etwa dieselbe gute Bildqualität wie Netflix und das Film- und Serienangebot für einige Euro weniger ist wirklich sein Geld wert, vor allem wenn man bedenkt dass die Prime-Mitgliedschaft für Amazon-freundliche Vielbesteller kostenlosen Premiumversand bedeutet. Aber die Apps…! Auf der PS4 werden die Untertitel oftmals eine satte Sekunde nach der gesprochenen Zeile angezeigt, manchmal werden sie beim nächsten Start einer Episode einfach vergessen und müssen erst wieder aus- und wieder angeschaltet werden – wenn man denn die Einstellungen dafür findet, denn die Bedienung ist keineswegs so logisch, wie ich mir das wünsche – vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich etwas beschränkt bin. Sich häufende Kleinigkeiten wie diese werden irgendwann zu einem Ärgernis, insbesondere weil Netflix Probleme dieser Art einfach besser im Griff zu haben scheint – es ist möglich, Amazon!. Ich muss allerdings sagen, dass die deutlich andere Bedienung auf dem iPad für meine Begriffe bei weitem besser war als auf der PS4, ich konnte sogar auf Anhieb die Sprache der Untertitel einstellen. Außerdem: Untertitel kommen sogar pünktlich! Die “X-Ray” Funktion, die beim Pausieren der Szene anzeigt, wer gerade zu sehen ist – wirklich cool! Amazon hat da schon ein paar gute Ideen, aber… da gibt es noch viel zu tun. Dafür gibt es teilweise tolle Exklusivtitel – da kommt noch einiges mehr, insbesondere freue ich mich auf Bryan Fullers Version von Neil Gaimans American Gods.

Nächstes Mal:

Ein paar Lesungen, die ich besuchte, The Elder Scrolls Online, Marvels Doctor Strange – es gab so viel, dass ich kaum alles in den Oktober stopfen konnte und es wird immer mehr!

Laufschuhe im Kofferraum.

Kofferraum

Ich habe extra noch einmal für euch nachgeschaut.

Ich habe einmal ein besonders großes Kompliment von meinem Brötchengeber bekommen und ich bekam es nicht etwa in Form eines gut gefüllten Wurstkorbes oder gar einer Prämie vermittelt – nein, es gab etwas Besonderes für mich: Ein Abend in der Stadthalle mit einem besonders bekannten Motivationstrainer. Da habe ich mich gefreut, was zu einem überraschten bis erleichterten Gesichtsausdruck bei meiner direkten Vorgesetzten führte und bei mir zu einiger Verstimmung, weil ein ansonsten definitiv feucht-fröhlich geplanter Freitagabend nun ganz anderes verlaufen würde. Aber ich war neu in diesem Job und jedwede Anerkennung war mir mehr als recht – keine Chance, dass ich dieses Geschenk ausschlagen würde: Man schätzte meine Arbeit.

Damals wusste ich natürlich noch nicht, was mich dann erwartete.

Der große Saal der Stadthalle war bis zum letzten Sitz gefüllt, zumeist von Personen die ganz offensichtlich ebenso wie ich mit einer “Anerkennung der Geschäftsführung” beschenkt wurden. Man stand ein wenig verloren in der Gegend herum und wunderte sich, ob man vielleicht doch lieber in der Art ungebügeltem grauen Anzug hätte erscheinen sollen – denn der war hier augenscheinlich der inoffizielle Dresscode. Nun gut, man reichte den Gästen O-Saft in Plastikbechern und das kostenlos – so freundlicher gestimmt sollte ich der Veranstaltung wohl eine Chance geben.

Der Trainer war Sportmediziner, aber vor allem Sportler – so sah er auch aus. Er rannte auf die Bühne und riss die Arme in die Höhe, wie er – der hauptberufliche Siegertyp – es wohl sonst an der Ziellinie seines dritten täglichen Ultra-Marathons zu tun pflegte. So oder so ähnlich waren meine ersten Gedanken und wie sich herausstellte, lag ich falsch: Er machte eher Triathlon als Marathon, das lernte ich schnell aus seinen Powerpoint-unterstützten Schilderungen seiner verschiedenen Erfolge bei diversen Iron Man-Veranstaltungen. Er war so unglaublich braungebrannt für einen Tag im November, dass er genauso gut vom Mars stammen könnte und nicht etwa irgendwo aus dem Süden von Deutschland – so fremdartig wirkte er vor diesem Publikum von sichtlich erschöpften Leuten, die gerade ihre ganz normalen kleinen Siege und Katastrophen auf der Arbeit hinter sich hatten. Nur, wie konnte ich selbst so werden wie lockere Trainer-Guy?
Er lies das Publikum auf einem Bein stehen und konnte viel länger als jeder einzelne von ihnen. Der Mann war kompetent – das war nun wirklich jedem von uns klar, noch mehr als das: Unsere Leben würden sich ändern und das sofort. Wir müssten es nur tun. Wir mussten nur zuhören und dann alles ändern. Er konnte es ja auch und er konnte es auf einem Bein.

Das ging so: Den Schlafphasen entsprechend aufstehen, die Laufschuhe gleich am Bett, jeden Morgen erstmal einen Apfel und dazu einfach heißes Wasser – ”Kaffee ist aber auch ok. Ich weiß, das sollte ich nicht sagen, aber Kaffee ist ok.”[Lacher] – und dann raus um die Häuser. Jeden Tag, gleich morgen früh. Zwischendurch Nüsse als Snack, am besten Walnüsse – “Haben sie sich die mal genauer angeschaut? Die Kerne sehen fast so aus wie Gehirne. Da sieht man gleich, dass die Natur sich etwas dabei gedacht hat.” – und dann wird das alles schon laufen. Wenn der Job einen nicht glücklich macht, tja, dann sucht man sich einfach einen neuen. Außerdem einfach mehr Training, das muss man einfach nur mal wollen, egal wie müde man nach der Arbeit auch sein mag.
Außerdem – das sagte er mit einem verschwörerischen Zwinkern von der Großleinwand hinab – gäbe da gewisse Momente… hier wurde ein Bild seiner Frau gezeigt, genauso gebräunt, genauso fit, genauso lächelnd, sie sah ein bisschen aus wie ein Fitnessmodel – “… sie ist Fitnessmodel.”… da könnte man als Mann dann einfach besser performen “wenn es drauf ankommt, wenn ihr wisst was ich meine. Ihr Frauen hier wisst was ich meine. DU weißt was ich meine.”.

“Morgen DU.”

Meine Güte. Der Typ hatte den Bogen raus. Der Typ war ein Gewinner. Das musste ich neidlos (naja…) anerkennen.

Schwer beeindruckt plante ich den nächsten Morgen durch… wie ich den den Wecker umstellen müsste und wann ich ins Bett musste. Ich überlegte, wo genau meine lang vernachlässigten Laufschuhe wohl liegen könnten. Ich hörte weiter zu. Möglicherweise war das ein Fehler. Trainer-Guy berichtete uns über seinen Tagesablauf. Wie er wie bereits im kleinesten Detail beschrieben aufstand, wie er trainierte, trainierte, arbeitete, arbeitete, trainierte, meditierte, für sich kochte, laufen ging und dann zeitig ins Bett kroch – vermutlich nachdem er seine Frau sportlich zu zahlreichen Höhepunkten gebracht hatte – das sagte er zwar nicht, aber ich und vermutlich große Teile des dachten es uns.
Ziemlich genau in diesem Moment tat er mir plötzlich leid und ich tat mir plötzlich selbst ein ganz gutes Stück weniger leid. Trainer-Guy wird sicher 150 Jahre alt, aber das könnten 150 ganz schön freudlose Jahre werden, in denen es nur um Leistung, Leistung, Leistung geht – sogar ficken war bei ihm so eine Art Leistungssport – ja, das klang genau so, aber er war sowieso besser darin als wir, haha – und solche Sachen wie Ausgehen, gekonnt inzenierte Abstürze, Kultur, Bücher, Comics, falsches Essen, falsche Witze, ungebräunte Haut, lustvolle Faulheit und unproduktive Freundschaften, stundenlanges Konsolenzocken und Lachen Lachen Lachen… sowie die Schlummertaste auf dem Wecker, die gab es einfach nicht in diesem Leben.

“Und morgen DU.”

Danke, aber… nein. Naja, vielleicht mache ich in Zukunft wirklich ein paar Sachen anders, gesünder und einiges habe ich bereits geändert und es tut mir gut. Aber meine kleinen und großen Schwächen, die sind vielleicht gar nicht so schlimm, auch wenn ich vielleicht nicht 150 Jahre alt werde.

Meine Laufschuhe liegen übrigens bei meinen Reserverad im Auto. Ich habe eben noch einmal nachgeschaut und sie doch lieber an Ort und Stelle gelassen.

Gorgmorgs kleine Medienschau, September 2016

3D

Essentielles Zubehör für Filme wie „Der Schrecken vom Amazonas“

Brooklyn Nine-Nine (Netflix)

Im Moment sind die großen Netflix-Eigenproduktionen wie Narcos nicht ganz zu Unrecht in aller Munde und ich bin da natürlich voll dabei. Meine meistgeschaute Serie ist zur Zeit allerdings Brooklyn Nine-Nine, eine in den USA auf Fox Television laufende Sitcom mit Andy Samberg, André Braugher, Terry Crews und einem ganzen Haufen anderer relativ hochkarätiger Akteure. Sie sind allesamt Cops, die (zu?) wenig zu tun haben und unter dem neuen, strengen Chef doch zu kämpfen haben, ihre gewohnten Zeitvertreibe durch solche Sachen wie Vorschriften oder Arbeit nicht einschränken zu müssen. So weit, so wenig ungewöhnlich – und sicher darf man die Frage stellen, ob heute bei den vielen, vielen Fällen von Polizeigewalt in den USA das NYPD so harmlos-sympathisch dargestellt werden darf. Allerdings hat Brooklyn Nine-Nine anderen Genrevertretern eines voraus: Die Serie ist wirklich lustig, die Charaktere sind sympathisch und bis in die Nebenrollen glänzend besetzt, allen voran der großartige Terry Crews.

Fritz Leiber im O-Ton

Wer sich mal mit mir über meine Lesevorlieben unterhalten hat, wird früher oder später mal den Namen Fritz Leiber gehört haben – einem 1992 verstorbenen Autor aus den USA, der sich vor allem in den Bereichen Horror, Science-Fiction und Fantasy einen Namen gemacht hat, aber immer in vielen anderen Genres seit den 1930er Jahren (!) erfolgreich gearbeitet hat – so hat er auch einen Haufen Geschichten mit Katzen als ProtagonistInnen verantwortet, die angeblich auch ziemlich gut sein sollen. Ich habe aber noch nicht den Mut aufgebracht, mir diesen Teil des Werkes zu geben – sicher haben sie aber auch den feinen Humor, der Leiber immer auszeichnete. Für mich sind die Nehwon-Stories mit Fafhrd und dem Grauen Mausling der Einstieg in sein Werk gewesen und ich liebe sie noch immer am allermeisten.
Ich höre nicht allen Autoren, die ich in Schriftform mag gern zu – allen voran Tolkien, den ich entschieden einschläfernd fand – aber in diesem Fall mochte ich schon die Stimme und die ganze unaufgeregte Art von Fritz Leiber. Ich habe da ein paar Audiodokumente gefunden, die ich sehr hörenswert finde und die gibt es auf der Fanseite Scrolls of Lankhmar. Beginnen würde ich mit dem 1997er Interview. Leiber hat gegen Ende seiner gut fünfzigjährigen Karriere noch härter als zuvor getrunken und leider schlug sich das auch in der Qualität seiner sonst wenigstens handwerklich herausragenden Arbeit nieder, hier ist er aber noch voll auf der Höhe und so klingt er auch: Mächtig inspiriert.

Der Schrecken vom Amazonas (Creature from the Black Lagoon, Jack Arnold 1954)

Der Kiemenmensch aus Jack Arnolds 3D-Klassiker ist nicht ganz so bekannt – schon gar nicht in der 3D-Fassung, für die man die rotblauen Brillen braucht. Ich finde, es ist nach wie vor ein sehr unterhaltsamer Film, auch wenn natürlich der Zahn der Zeit ein ganz klein wenig an einigen der Schockmomente genagt hat und man vielleicht nicht passend zu jeder Einstellung mit der Kreatur der Soundtrack dramatischst anschwellen lassen muss, um anzuzeigen wann man sich nun gefälligst zu gruseln hat. Die Geschichte ist einfach, dafür aber gekonnt in Szene gesetzt – insbesondere die Unterwasseraufnahmen sind immer noch sehr reizvoll. Der 3D Effekt wirkt mal besser und mal schlechter, auf jeden Fall war wohl nicht nur ich aufgrund meiner enormen Kopfschmerzen aufgrund angestrengten “Schielens” dankbar, dass es in der Mitte des Films eine kleine Pause gab.
Ich wohne in Bielefeld und dort gibt es ein besonders umtriebiges Offkino, das diesen und noch eine ganze Menge mehr sehenswerter Filme gezeigt hat. Sehr empfehlenswert!

The Epic (Kamasi Washington, 2015)

Ganz sicher bin ich kein Experte für Jazz, aber diese dreistündige live(!) eingespielte Aufnahme von Kamasi Washington finde ich dennoch so gut, dass ich sie empfehlen möchte. Richtig gute Musik, die aber ein wenig Zeit und Aufmerksamkeit braucht. Ein klarer roter Faden fehlt trotzi einer schwindelerregenden Anzahl von Stilwechseln und eigentlich jazzfremden Einflüssen nie – bewundernswert! Gebt euch das mal.

Die mysteriösen Machenschaften des Denis Outlook

Supreme X Jordan 5 Camo

Denis Outlook hat unter anderem einen schrecklichen Geschmack, was Schuhe angeht.

Ich habe eine ganze Menge verschiedener E-Mail Adressen und darin unterscheide ich mich wohl nicht entscheidend von euch. Die meisten benutze ich gar nicht regelmäßig, sondern behalte sie nur aus Nostalgie (”was, wenn sich die große Liebe von damals wieder meldet?”) oder Faulheit (”Ich könnte sie löschen, aber…”) – na gut, ich behalte sie in den meisten Fällen aus Faulheit.
Ich habe mir eine neue, kurze Adresse registriert, als Microsoft mit Outlook.com neu startete und sie dann relativ bald wieder links liegen gelassen, als ich zu Google Mail zurückkehrte. Allerdings entwickelte dieses Mailkonto einige mehr oder weniger beunruhigende Eigentümlichkeiten und ich bringe es einfach aus ein paar Gründen nicht übers Herz, „Denis Outlook“ still zu legen. Es könnte natürlich sein, dass ich einfach Ziel verschiedener Spammer wurde und einfach aufgrund der prägnanten, kurzen Namens bevorzugt mit Phishing und Spam zugebombt wurde. Mir gefällt aber der Gedanke viel besser, dass Denis Outlook – meine ungeliebte und vernachlässigte Microsoft Identität – irgendwann begann, eigene Interessen zu entwickeln und sich ein paar Hobbys zum Zeitvertreib organisierte. Man kann es ihm wohl nicht verdenken, oder? Einige seiner Zeitvertreibe habe ich ermitteln können:

1. Hobby: Menschen mit günstigen Uhren glücklich machen

“Rolex Submariner 2-Toned only $129!”

Wie sich herausstellte, hat Denis Outlook eine neue Geschäftsidee entdeckt: Der Handel mit “garantiert echten” Uhren-Replikas. Niemand wird sich daran stören, dass diese Dinger irgendwelchen teuren Zwiebeln täuschend ähnlich sehen, oder? Steht ja immerhin “Replica Watch” dran. Also, an den Mails, nicht an der Uhr. Offenbar habe ich Geschäftsbeziehungen die bis nach Indonesien reichen.

2. Hobby: Weltverschwörung für Einsteiger

Wie so viele ungeliebte, verkannte Wesenheiten konnte auch Denis Outlook der Faszination von Verschwörungstheorien nicht widerstehen. Er bekommt immer wieder Nachrichten… per automatischer Antwort… die von einem fürchterlichen Ende für uns alle künden:

“Sie töten mit Krieg, Alkohol und Abtreibungen!!! Rette uns!!”

Glücklicherweise ist am Ende der sehr, sehr langen Auto-Reply ein kleiner Funken Hoffnung versteckt:

“Securing the future… – Improving services – Enhancing quality of life – Making best use of public resources.”

Na denn, alles wird gut.

3. Hobby: Reisen in England

Das The Bear Inn and Burwash Motel in Sussex empfängt offensichtlich auch einsame E-Mail Adressen und bieten ihnen eine reichhaltige Auswahl an Real Ales. Nicht schlecht. Vielleicht bin ich selbst auch ein klein wenig E-Mail-Adresse, tief in mir drin? Nun, diese Parallelen fangen bei Ale an und hören bei der ein klein wenig gruseligen “warmen freundlichen Begrüßung” schon wieder auf. Was Denis Outlook dort vorhat? Man weiß es nicht. Allerdings scheint es immer wahrscheinlicher, dass Mr. Outlook von der Insel stammt.

4. Hobby: Pferdekontrolle – aber nur mit der richtigen Hardware

Mr. Outlooks Interessen sind mannigfaltig und so interessiert er sich auch für… individuell angepasste Sättel.

“Kontrollieren Sie Ihren Sattel! Vertrauen Sie dem Vorreiter in anatomisch korrekter Sattelanpassung für Pferd und Reiter! Lassen Sie sich von unserem einzigartigen, dem Becken angepassten Sitz begeistern.”

Achso. Der Vorreiter in Sachen Reiterbedarf. Naja, äh. Hauptsache, alles passt zum Becken. Ob er die Grafschaft Sussex auf dem Rücken eines edlen Rosses erreichte? Wir wissen so wenig.

5. Hobby: Kostspielige Sneaker auf Kosten von Denis Original ersteigern

“Supreme X Jordan 5 Camo UK SIZE 8‏”

… und die kosteten beim ersten Gebot schon deutlich über £480 und nur meine schnelle Reaktion und die prompte Hilfe von Ebay.uk konnte verhindern, dass jemand ein paar ausgesprochen geschmacklose Sneaker für einen noch geschmackloseren Preis erwerben konnte. Ein Sieg für die Gerechtigkeit, mein Bankkonto und die Mode.

Moral: Klage nicht über deine lange und schlecht zu merkende E-Mail Adresse. Vielleicht würdest du es noch bereuen, wenn sie knapp und prägnant ist.

Gorgmorgs kleine Medienschau, August 2016

NMS

Dieser Planet in *No Man’s Sky* sieht nur auf den ersten Blick einladend aus…

No Man’s Sky (PS4, Hello Games 2016)

Eine ganzes Universum, die per Zufallsgenerator erstellt und wurde und aus lächerlichen 18 Trillionen Planeten besteht und du mittendrin – das ganz kleine unfassbare winzige Sub-Staubkörnchen darin – das bist du. Im Gegensatz zum ganz ähnlich funktionierenden Totalen Durchblicksstrudel in Douglas Adams Per Anhalter durch die Galaxis ist dieses Spiel nicht die „grausamste Seelenfolter, der ein fühlendes Wesen ausgesetzt werden kann“, sondern eher eine ganz entspannte Angelegenheit, die bekifft sicher noch eine entscheidende Winzigkeit lässiger ist – das glaube ich jedenfalls, ich kiffe allerdings nicht.

Diese Galaxis sieht aus wie jedes Prog-Rock Cover der und 60s und 70s gepaart mit jedem Science Fiction-Taschenbuchcover derselben Jahrzehnte und du hast ein defektes Raumschiff und einen zum Glück einigermaßen dichtes kleines Raumschiff. Dazu dudelt zur Auflockerung bisweilen ein wirklich angemessen spaciger Soundtrack der Math-Rocker 65daysofstatic.

Tja. Das bist du nun also, fühlst dich verloren und kannst nun machen… was du willst. Du könntest einfach rumfliegen und dir die Gegend anschauen, du könntest die seltenen Aliens verstehen lernen, Handel treiben, wichtige Ressourcen katalogisieren und fremdartige Kreaturen erforschen und benennen, die noch niemand jemals zuvor gesehen hat und vermutlich – bei 18 Trillionen Planeten – auch ziemlich wahrscheinlich keiner der anderen Spieler nach dir sehen wird. Du könntest Streit suchen. Du könntest das Zentrum der Galaxis anfliegen und das… Geheimnis herausfinden.

Nun, das klingt vielleicht nicht besonders spannend, aber es ist so beruhigend und so schön bunt. Ganz ehrlich, so wahnsinnig viel Spiel ist da nicht drin, aber merkwürdigerweise stört mich das überhaupt nicht.

KILL la KILL (Trigger, 2013)

“Psst. Sie unterhält sich schon wieder mit ihrem einzigen Kleidungsstück.“

Ich schaue manchmal ganz gern Anime, vor allem wenn sie mich bequem auf Netflix erreichen. Dieser hier ist ein ganz unterhaltsamer Shōnen Anime – der Schwerpunkt liegt also auf Action und Abenteuer, der Humor hat hier aber auch einen gewichtigen Anteil. Die Heldin Ryuko hat eine Hälfte einer riesigen Schere(!) und sucht den Rest des Schneidewerkzeugs, um dem Mord an ihrem Vater auf die Schliche zu kommen. Glücklicherweise kann man mit dem Ding auch hervorragend Leute vermöbeln, was an ihrer neuen Schule als ungemein praktisch erweist, tragen dort doch ausgerechnet die fiesesten Leute Schuluniformen, die ihnen Superkräfte verleihen. Ryuko hat eine von ihr so bezeichnete „Kleidung für Perverse“, die sich in väterlichem Ton mit ihr unterhält und – na klar – ebenfalls Superkräfte verleiht und einem alten Videospielgesetz entspricht: Kampfausrüstung für Frauen verleiht den besten Schutz, wenn sie am wenigsten Haut bedeckt. Spätestens jetzt sollte klar sein: Auch KILL la KILL enthält seinen Anteil von „Fan Service“ und bedient die Interessen der hormongeplagten eigentlichen Zielgruppe – männlichen Jugendlichen – auch abseits von Action und Abenteuer. Das bleibt für japanische Verhältnisse noch relativ im Rahmen, aber ich will doch kurz darauf hinweisen. Wenn dann auch noch die textil-feindlichen Rebellen von Nudist Beach (ja, wirklich), dann wird das eigentliche Thema klar: KILL la KILL ist ein Action-Anime mit den relativ selten vereinten Themen Mode und Prügeleien. Macht Spaß!

Hercules (Brett Rattner, 2014)

Stellt euch mal vor, jemand kommt auf die Idee, einen Hercules-Film zu machen, in dem der legendäre Held ein Hochstapler ist, der entweder ernste Wahnvorstellungen hat und seine epischen Taten entweder nur phantasiert oder sie durch seinen übereifrigen PR-Berater zur Belebung seines Söldner-Business zusammenlügen lässt – vielleicht beides in Kombination. Stellt euch weiter vor, dass ihr in der Hauptrolle den üblicherweise durchaus talentierten und charismatischen Dwayne Johnson habt, der offenbar motiviert genug war, um seine beachtliche Muskelmasse noch um einige… gefühlte Zentner aufzustocken. Dazu eine eine wirklich bis in die Nebenrollen feine Besetzung mit Ian McShane, Rufus Sewell, Joseph Fiennes und sogar John Hurt.

Man addiere Brett Rattner und subtrahiere jeden Funken von Inspiration, Charme und Ironie und die ganze Chose geht wirklich traurig baden.

Warum ausgerechnet dieser eher obskure Comic von Steve Moore (nicht verwandt, aber dafür befreundet mit dem deutlich bekannteren Alan Moore) verfilmt wurde, ist mir persönlich eher schleierhaft. Der „Sandalenfilm“ wäre eigentlich reif für eine schwungvollere Wiederbelebung gewesen.

Gorgmorgs kleine Medienschau, Juli 2016

Stranger Things

Auch in Stranger Things lohnt es sich bisweilen der Gesundheit willen, den Blick nach oben zu richten.

Stranger Things (2016, Netflix)

Eine achtteilige Serie, die in einer Version von 1983 spielt, die sich mehr nach den 80ern anfühlt als die 80er selbst – das könnt ihr mir ruhig einfach mal glauben, ich war nämlich da. Die etwa 50minütigen Folgen sind sichtlich mit viel Liebe gemacht und die Handlung… nennen wir das mal einen recht bekömmlichen Cocktail aus Stand by me, E.T., Die Goonies, garniert mit ein paar pikanten Teilen Stephen King – letzterer übrigensein großer Fan der Serie, wenn man seinen Äußerungen auf Twitter glauben darf. Zwar erreicht Stranger Things nicht ganz den Charme der Klassiker, aber selbst ohne den etwas dick aufgetragenen Nostalgiefaktor habt ihr eine atmosphärische, toll gespielte und gefilmte Mystery-Serie mit einem richtig fantastischen Soundtrack.

Normal (Warren Ellis, 2016)

Was passiert eigentlich mit den visionären Köpfen, den Futuristinnen und Futuristen, wenn sie ein wenig zu weit in die Zukunft schauen? Wenn sie ein paar Zusammenhänge zu viel verstehen? Ganz klar: Die werden in einer Klinik behandelt… äh, weggesperrt und bekommen die Aussicht, irgendwann resozialisiert zu werden. Normal Head ist so eine Einrichtung. Etwas unruhig wird die dort ansonsten sehr, sehr, sehr… reizarme Umgebung erst, als ein Patient aus seinem Zimmer verschwindet und nur eine wimmelnde Menge Insekten auf seinem Bett hinterlässt.
Warren Ellis ist am ehesten für seine Comics bekannt (Transmetropolitan etc.), schreibt aber bisweilen auch Drehbücher und Romane. Normal gibt es derzeit nur ein digitaler Form auf Amazons Kindle Service, aber auch andernorts – interessanterweise erscheint die Geschichte in kleinen, günstigen Episoden für etwa 1,50€. Spannend, unterhaltsam und mächtig creepy.

BoJack Horseman Season 3 (Netflix, 2016)

Stranger Things mag zwar schon ziemlich gut sein – es hat aber keine Chance, meine erklärte Lieblingsserie auf Netflix vom ihrem wohlverdienten Thron zu schubsen. Die Überschrift legt es bereits vaufdringlich nahe: Es handelt sich dabei um BoJack Horseman. Der titelgebende Ex-Serienstar aus den 90ern hat zu Beginn der dritten Staffel zwar ein erfolgreiches Comeback hingelegt, ist aber immer noch nicht glücklich. Ziemlich sicher wird er auch niemals glücklich werden… glaubt Bojack nicht ganz unberechtigt.
Wie die Serie es hinbekommt, in dieser Staffel noch mehr als zuvor eine wirklich clevere Satire auf das Mediengeschehen hinzulegen und dabei gleichzeitig lustig und bisweilen bitterernst und dann und wann wirklich todtraurig ohne jeden Funken von Ironie zu sein – das ist doch einigermaßen einzigartig. Wieder gibt es dann und wann ein paar Längen und vielleicht eine oder auch zwei Episoden, die man streichen könnte, trotzdem: Das hier ist schon ganz schön wundervoll. Am besten ganz viele Folgen am Stück und natürlich: Beginnt mit der ersten Staffel.

Ausgebremst.

Morgen früh gehe ich nach einer Zeit von drei Wochen Urlaub und Krankheit wieder für durchgängig zur Arbeit. Ich freue mich, auch weil das eine ganz schön merkwürdige Zeit hinter mir ist.

Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass man mich zu vielen Zeit als „faulen Hund“ bezeichnen kann. Ich genieße meine Freizeit gern schlafend oder sitzend und setze den größten Teil meiner Energie feiernd um. Nun gut: Vielleicht ist das etwas übertrieben, aber ich verbringe nicht besonders viel Zeit mit körperlichen Aktivitäten.

Allerdings war es in diesem Fall so, dass ich eine gute Weile nicht besonders gut laufen konnte, nicht besonders gut Sport machen konnte und manchmal waren da schon mal ordentlich Schmerzen.

Ich konnte das erste Mal seit Jahren kaum erwarten, Liegestützen zu machen und habe natürlich viel zu früh wieder damit angefangen – das habe ich natürlich sehr bald darauf bereut (Aua!).

Ich wollte keine Bücher lesen, ich wollte keine Texte schreiben, ich wollte nicht am Computer oder der PS4 spielen – nein, ich wollte Menschen sehen – nicht in der Webcam, nicht von ihnen lesen, ich wollte sie treffen. Einfach nur herumlaufen, vorzugsweise schmerzfrei aber wenn es denn sein muß, dann eben auch unter Schmerzen – das war ganz plötzlich ein großes Bedürfnis.

Als es gerade wieder halbwegs ging, war ich dann auch feiern und tanzen und das war so gut, auch wenn ich den halben folgenden Tag mit schwerem Knie-Kater auf dem Sofa verbringen musste.

Dass ich mich wirklich zügeln musste, mir nicht zu viel zuzumuten, das war wirklich neu – ich lerne mich offensichtlich immer noch kennen, selbst nach den paar Jahren.

Vielleicht bin ich in diesen Moment ein klein wenig positiver als zuvor. Vielleicht neige in diesem Moment nicht so sehr dazu, mir die Erinnerung an einen tollen Abend an ein paar winzigen negativen Sekunden zu vergällen.

Mal sehen, was kommt. Ich bin froh, dass es endlich weitergeht.

Ich wollte doch nur Natron! Oder: Legenden der Kundenorientierung

Kaisernatron

Bielefeld hat nicht nur seine eigene Burg, sondern auch eine eigene imperialistische Natronsorte.

Im Supermarkt an der Ecke gibt es kein Natron mehr. „Super“, dachte ich, „jetzt muss ich ja noch den Fußmarsch zum Central auf mich nehmen und – was noch schlimmer ist – dann dort auch noch einkaufen. Für 69 Cent.“ Fremde des Bielefelder Westens sollte ich vielleicht darüber aufklären, dass der Centralkauf ein ganz normaler Supermarkt ist, der von preisbewussten Rumsitzpersonen genutzt wird, um sich mit gekühltem Bier für den nebenan gelegenen Siegfriedplatz zu versorgen. Sonst kauft man dort eigentlich nur im Notfall ein, jedenfalls betrifft das mich und Teile meines Freundeskreises.

Ich hatte mein original Bielefelder Natron gefunden und freute mich, dass ich nun endlich den hartnäckigen Bohnen für das Chili zu Leibe rücken konnte. An der Kasse konnte es ja unmöglich länger dauern, nicht um halb zwölf unter der Woche. Das dachte ich mir jedenfalls, als ich meinen kleinen Einkauf auf das Band legte.

Der eine andere Typ vor mir – so ein älterer Bursche in eindeutig zu knappen Ballonseideshorts – war tief in einem Beratungsgespräch verstrickt und schien noch dazu sehr in Eile zu sein.

„Gibt es hier rote Gauloises?“
„Genau vor ihnen. Drücken sie auf den Knopf, dann kommen sie dran.“

Er tat wie ihm angeraten und bediente sich, zwei Päckchen.

„Ah. Nun weiter. Sind die auch blickdicht? Dazu steht nichts auf der Packung.“

Ich dachte zuerst, es ginge um die optischen Qualitäten der Tabakwaren, dann erinnerte ich mich eine Besonderheit des Centralkaufs: Nicht nur den Tabak bekommt man nur an der Kasse, das gilt in diesem besonderen Markt auch für Kondome. Der junge Mann im Dienst zeigte sich der Situation voll gewachsen.

„Ich glaube, nicht ganz. Da schimmert was durch.“
„Hm. Haare wohl auch. Und die hier?“
„Besser, sie nehmen die Weißen. Die in Latexfarben sehen schon sehr nach… naja, nach Gummi aus.“
„Zeigen sie mir die anderen auch noch. Die schwarzen Dinger können sie weglassen, die interessieren mich nicht.“

Der tapferste Streiter des Einzelhandels tat, wie ihm geheißen: Er zeigte die mehr oder weniger neutralen Pappverpackungen und las dem Kunden die Beschreibungen vor. Während dessen sammelte sich eine ganze beachtliche Schlange hinter mir an. Die Wartenden beklagten sich nicht – sie waren viel zu fasziniert von den Schauspiel, das sich ihnen darbot. Ihr leises Tuscheln und Kichern störte den Präservativinteressierten offenbar nicht im Geringsten.

„Ich interessiere mich weiter für die Weißen. Zeigen sie mir die nochmal, bitte. Danke. Was muss ich für die zahlen?“
„Die kosten 3,34€“
„Oh. Die Durex sind billiger, richtig?“
„Stimmt. Die sind aber auch durchsichtiger: 2,99€.“
„Geben sie mir die, bitte. Haben sie auch Red Bull… aber… so gekühlt?“
„Ja… schon…“

Der Held an der Kasse machte zum ersten Mal eine kleine Pause, holte kurz Luft bevor er… ganz ruhig… fortfuhr.

„… bei den anderen gekühlten Getränken. Ich lasse da aber erstmal die anderen Kunden vor, wenn das in Ordnung ist.“

Ich kam endlich an die Reihe und bezahlte schnell, bevor er wiederkam. Ich lobte beim Herausgehen den Kassierer für seine Beratungskompetenz und Gelassenheit und wurde von ihm mit meinem Blick belohnt, der das nicht enden scheinende Leid von 1000 Jahren (oder bestimmten fünf Minuten an der Kasse) ganz anschaulich ausdrückte. Sein Mundwinkel zuckte fast unmerklich, dann wünschte er mir einen schönen Tag und wand er sich der Kundin hinter mir zu.
Auf dem Weg nach draußen wurde ich vom dem Kondomkunden im Laufschritt überholt, bevor er beinahe beim überqueren der Straße angefahren wurde, was ihn nicht von seinem Ziel abbrachte. Der Autofahrer starrte ihm nach, als der Kurzbehoste um die Straßenecke hastete. Ich starrte mit.

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