Ich habe vor kurzer Zeit über eine sehr unangenehme Beerdigung geschrieben. Die meisten Anwesenden hatten schon vor langer Zeit alle Brücken zu der Verstorbenen abgebrochen, was vielleicht auch nur zu verständlich war, denn sie war keine einfache Person gewesen, direkt, meistens laut und manchmal schroff.
Sie hat mich sehr gemocht.
Und ich weiss bis heute nicht recht, was sie da in mir gesehen hat.
Es ist ein seltsames Gefühl, wenn jemand nach einem langen Koma verstirbt, nicht eigentlich verstirbt, eher: Man lässt die Person sterben, man schaltet die Geräte ab. Im Grunde hat man sich schon lange verabschiedet, ab dem Tag, an dem es die Nachricht gab, dass es keine Hirnaktivität mehr gab, dass man sie nur noch am Leben hielt, um die Organentnahme zu erleichtern. Nun, das glaubte ich jedenfalls. Man kommt gar nicht zum trauern. Darf man jetzt damit schon anfangen? Sie ist doch noch gar nicht tot. Man akzeptiert die Sache. Lebt weiter. Verschiebt die Trauer. Und irgendwie ist sie dann verschwunden, als man sie gerade braucht, in der Kapelle, vor dem Sarg.
Man schaut sich die Leute an, wie sie sich ansehen. Schuldbewusst? Geht es ihnen etwa genauso? Ich habe nicht die ausgeprägte Abneigung gegen alles Kirchliche, die die Verstorbene bei jeder Gelegenheit vertrat; es fühlt sich trotzdem nicht richtig an. Trotzdem komme ich zur Ruhe.
Wir gehen raus und der eisige Wind weht uns um die Ohren und lässt einen frösteln. Ich werfe etwas Erde auf den Sarg und bleibe einen Moment stehen. Ich muss schlucken und erst jetzt wird mir eigentlich wirklich gegenwärtig, das sie fort ist. Und das sie wichtig war für mich, das sie mich wohl als Jugendlichen mehr verstanden hat als die allermeisten Erwachsenen, wie sehr sie mich beeinflusst hat in vielen Dingen, vor allem: Nie etwas zu tun, das ich nicht aus überzeugung tue. Seinen Mund aufzumachen. Kein Duckmäuser zu sein. Sie fehlte mir plötzlich sehr, in diesem Moment. Das Gefühl ist seitdem nicht mehr verschwunden.
Samstag morgen bin ich aufgewacht und dachte daran, das sie mich nicht wie gewohnt aus dem Bett geklingelt hat, obwohl das schon seit langer Zeit mehr passiert war. Ich hätte noch eine Menge Fragen gehabt, die mir vor einer Woche nicht in den Sinn gekommen wären.

Hm, also das mag ich.