Wenn es an meiner alten Schule etwas zu fürchten gab, dann war das ein Termin beim Direktor. Das galt jedenfalls für die Unterstufe und Teile der Mittelstufe; darüber hinaus war den meisten ziemlich klar, wie viele Tadel man sich erlauben konnte und das ein Schulverweis höchst unwahrscheinlich war, egal was man sich erlaubte.
Trotzdem. Für mich war ein “Termin beim Direx” immer ein Graus. Allein die dröhnende Durchsage. “Denis Gorgmorg, bitte sofoarrrt zum Direktor. Dhankey.”1. Daher hatte ich auch nur zwei von diesen Audienzen; ich vermied Aufmerksamkeit: Einmal, weil ich im Unterricht ein Arbeitsblatt mit Matheaufgaben fachgerecht entsorgt hatte (in den Papierkorb, zum großen Missfallen der Lehrkraft allerdings weitgehend frei von gelösten Aufgaben. Ich war kein einfaches Kind.), das andere Mal, weil ich Religion abwählen wollte und das dem Herrn Direktor persönlich begründen sollte. Er Presbyter – was er immer wieder betonte – und stadtbekannt für seine Abneigung gegenüber Atheisten, Katholiken und tatsächlich auch den allermeisten andern Menschen, sogar denen mit “ev.” im Pass. Er war übrigens ebenso berüchtigt dafür, niemals Hitzefrei zu geben und bei entsprechenden Temperaturen nach Konsultation seines Thermometers sich immer gegen Unterrichtsausfälle zu entscheiden. Sein Thermometer befand sich sicher in seinem Schrank, unten im Erdgeschoss, weit weg von jeder Art von lästiger Sonneneinstrahlung; genau wie sein bleicher Herr.
Heute morgen hatte ich meinen dritten Termin beim Schuldirektor, einem anderen allerdings und an einer Grundschule. Ich war fast genauso nervös, wenn ich hier mal – so ganz unter uns – ehrlich sein kann. Aber hier saß nicht der gefürchtete kettenrauchende Vollbart im schwarzen Anzug und der donnernden Stimme, sondern ein freundlicher grauhaariger Herr im Pollunder, der “mich einfach nur mal kennenlernen wollte” – ich hatte erwartet, dass er mich einstellen wollte; es war ja erst der dritte Termin für diese Stelle. Es gibt widerlichen Kaffee, aber der Gedanke zählt ja. Ich freue mich darüber.
Ich hätte wohl gute Chancen auf einen Job, meinte er. Ich wäre dann der zweite Mann im Grundschulbereich, außer ihm selbst. Im ganzen Kreis. So etwas wolle ja niemand machen, ebenso wenig wie Schulleitung; da gäbe es auch viele Vakanzen.
Ich habe mir verkniffen zu sagen, dass dieses das allererste Gespräch nach vielen, vielen Bewerbungen im Schulbereich für mich war; in Jahren. Die haben mich nicht ein einziges Mal eingeladen. Dabei dachte ich, dass ich ganz gut qualifiziert wäre.
Dann warte ich mal auf den nächsten Termin …
- Die Dame, die die Durchsagen machte, hatte einen starken amerikanischen Akzent [↩]

Ach nee… noch länger warten?! Wie gemein…
Ich drück weiter die Daumen.