Von Juristen und Menschen

Was macht man, wenn einen eine gute Freundin bittet, auf ihre Party zu kommen? Natürlich geht man hin, ist doch klar. Auch wenn es eine Party des Fachbereichs Jura ist, auf der die Juristen-Rockband spielt? Klar, geht man hin.

Die Juristen-Rockband ist ziemlich cool, auch wenn sie sich dauernd verspielt und versingt. Vor allem der graue alte Prof, der zwar nichts mit englischer Aussprache zu tun hat, dafür aber überzeugend den überzeugungstäter, den bärtigen ollen Bluesman gibt. Die haben Spaß. Das Publikum tobt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie die Band gutfinden oder ob sie sich darüber amüsieren, dass da ihr Dozent abrockt. Das hat was von Zoo.

"Die sind doch echt gut oder?" - sagt die Freundin. Find ich wirklich auch und sage es ihr - eine Band ist ja noch nie nur deshalb gut gewesen, weil sie besonders fehlerfrei spielt. Die Reaktion scheint sie zu freuen. "Hätte man von Juristen wohl nicht erwartet, hm?"

Also, bei ihr hätte es mich nicht gewundert. Sie liebt den verdammten Rock'n'Roll, sie ist quasi Rock'n'Roll, eine von der guten, ehrlichen Sorte Mensch. Ich überlege, was ich sagen soll, sie hat eigentlich etwas Freundliches verdient. Sie ist überhaupt nicht wie ihre Kommilitonen. Ich sage:

"Naja, Juristen sind ja auch Menschen, oder?"

Sie schaut mich etwas seltsam an. "Hmm." Mehr sagt sie nicht dazu.

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(War nicht auf der Party.)

Kurze Zeit später bin ich allein und wünsche mir, mein Notizbuch nicht vergessen zu haben - sonst habe ich es immer dabei und schreibe doch nichts auf, wenn ich unter Menschen bin - aber es gibt einem ein gutes Gefühl, keine guten Sätze und Ideen verlieren zu müssen. Ich schaue mir die Leute an, die seltsam kreischig lachen und versuchen, sich nicht auf die Füße zu treten. Sie sind schon jetzt schrecklich besoffen und die Frauen tragen zu blonde Haare und enge Oberteile, die mich ganz uncharakteristisch völlig kalt lassen; die Kerle weiße Hemden unter ihren Pullis mit V-Ausschnitt. Die meisten Klamotten sehen so teuer und wichtig und geschmacksfrei aus, dass das Zeug eigentlich nur von H&M stammen kann. Hier gehöre ich ja schonmal gar nicht hin. Aber das merkt keiner, die schauen alle durch mich durch, zu beschäftigt, die richtigen Leute im Auge zu behalten und nicht über die eigenen oder fremde Füße zu stolpern. Es ist nicht so, dass ich mich langweile, ich bin merkwürdig fremd und das wird sich auch nie ändern. Das ist auch in Ordnung so, finde ich. Ich beobachte das fremdartige Volk wie ein Tierfilmer: Von einem sicheren Versteck aus. Tierfilmer interessieren sich auch für die Welt um sie herum, ohne den Wunsch, von ihrem aktuellen Umfeld als einer der ihren - beispielsweise als Tapir - anerkannt zu werden. Die Band spielt "über sieben Brücken musst du gehen" und "Born to be Wild" und son Kram. Zwischendurch wird eine bedauernswerte Fachschaftlerin von einem weiblichen, alkoholisierten Fremdkörper mutwillig in die Hand gebissen. Es ist keine Luft mehr im kleinen Hörsaal, als die Band die Zugabe hinter sich hat und der Saal sich leert; das bisschen Bier hat desaströs auf die Form der Verbliebenen ausgewirkt. Sie tanzen oder wanken, einige versuchen einen gewagte Kombination beider Aktivitäten. Ich sollte nun unbedingt entkommen, wegfahren oder mich schrecklich betrinken, sonst geht das hier fürchterlich schief. Ich beschließe zu fahren.

Die Freundin steht hinter der Theke, sie hilft spontan der Gebissenen aus (Die gute Seele!). Sie reicht mir meine letzte Cola, eine zum wach bleiben auf dem Weg durch den Nebel. Ich muss noch was loswerden.

"Weißt du, ich verstehe jetzt, was du eben meintest. Es gibt Juristen, die gleichzeitig Menschen sind. Aber es sind nur ungefähr fünf, glaube ich."

"Siehst du."

3 Kommentare

  1. Hallo Denis,

    du einsamer Partywolf. Ist das Tapirbild von dir? Sehr geschickt in diesem Beitrag untergebracht, ich habe jedenfalls herzlich gelacht.

    übrigens: bei uns ist heute abend auch Fachschaftsparty. Soweit ich weiß, kommen keine Juristen.

  2. Ja, soweit du weißt! Die paar menschlichen Juristen sind ja kaum von Menschen zu unterscheiden – aber die sind ja auch in Ordnung.

    Klingt wie eine Party, auf der man problemlos seinen Spaß haben kann, eure Fachschaftsparty.

    Danke fürs Lachen!