Kellerloch

Für Looka.

Als ich noch ein Kind war, wohnte ich in einer Kleinstadt. Meine Großeltern hingegen lebten auf dem Land – oder besser gesagt, noch ländlicher – und wir besuchten sie sehr oft, ein paar mal in der Woche und am Wochenende sowieso. Das freute mich sehr, weil ich zum einen mein richtiges Elternhaus nicht so recht mochte und meine Großeltern sehr. Da gab es oft Pfannkuchen.

Aber das erste was ich nach der Begrüßung tat, war etwas völlig anderes als nach Pfannkuchen zu fragen. Ich rannte den Durchgang entlang, unter dem grünen Glasfaserplastikdach her, bis ich am Küchenfenster erschien, von dem aus man auf den kleinen Acker hinausschauen konnte, aus dem später ein Garten werden sollte.

Dafür hatte ich keine Augen, ich war unter dem Küchenfenster verschwunden, ich hatte das Gitter über dem Kellerloch zur Seite geschoben und kontrollierte sorgfältig die dunkelfeuchte Kühle auf Tiere in Not.

Ich hatte schon so einige von ihnen gerettet:

- Ein paar Kröten, die sich dicht an den Boden gedrückt hatten und mir nur mit ihren goldenen Augen auffielen, als ich fast schon wieder weggehen wollte. Natürlich hatte ich meine Hände etwas angefeuchtet, bevor ich sie aufgehoben und freigelassen habe; diese ganzen Sachbücher hatte ich nicht umsonst gelesen.

- Frösche gab es schon öfter, die fielen mehr durch ihre panische Ader auf und schienen nicht recht einzusehen, warum sie mir jetzt unbedingt trauen sollten; je dicker der Frosch, desto uneinsichtiger und schwerer zu fangen waren sie. Ich hatte Mitleid, weil sie hin und wieder mit Schwung gegen das Kellerfenster hüpften; aber ich habe sie fast alle gerettet.

- Einmal fand ich eine Maus, die fing ich mit einem Blumentopf. Sie war sehr klein und braun und atmete heftig. Ich konnte nicht ganz verstehen, warum keiner so begeistert war, also ich sie nah am Vorratskellerfenster wieder freiließ.

- Da war mal eine Blindschleiche und ich war fasziniert, auch wenn ich wusste, dass sie eigentlich nur eine beinlose Eidechse und keine richtige Schlange. Aber was für ein tolles Tier! Eine richtige Eidechse wäre mir lieber gewesen, denn damals gab es sie noch, bevor sie für immer aus der Gegend verschwanden. Es fiel aber nie eine in mein Kellerloch.

- Aber meistens waren es die großen, schimmernden Laufkäfer, deren Stinkdrüsen sich ungefähr einmal pro Woche als sehr wirksam erwiesen, sehr zum Leidwesen meiner Oma. Auf solche kleinlichen Bedenken konnte ich natürlich keine Rücksicht nehmen, schließlich hatte ich ein wichtiges Werk zu tun.

Nur wenn der Winter vorbei war, da lagen dort manchmal bleiche, feine Knochen, die ich erst voller Ehrfurcht in den Fingern drehte und dann in aller Stille begrub. Einmal nach den Ferien fand ich eine leblose Spitzmaus, das feine Fell nass geregnet und ganz ohne jeden Zweifel tot.

Ich hatte lange ein schlechtes Gewissen.

2 Kommentare

  1. Danke.

    Meine Großeltern mütterlicherseits lebten in einer Wohnung in der Stadt. Dafür hatte mein Großvater einen riesigen Rosengarten im Hof, wo ich endlich herausfinden muss, warum er den hatte. Dort durften wir aber nichts berühren. Außer beim jäten helfen. Geduftet hat es immer.

    Auf der anderen Seite war ein Bauernhof. Dort habe ich den Großvater nie kennen gelernt, aber einfach einen Onkel, der auch dort lebte als Ersatz genommen. Bei dem durfte ich auch immer am Traktor mitfahren. Meine Großmutter hatte immer Solettis für uns. Dafür dass es ein Bauernhof war, habe ich aber eher wenig von den Tieren mitbekommen. Es gab den Stall, wo ein paar Kühe drinnen standen und Hühner auf dem Misthaufen. Am liebsten hatte ich aber die Katzen in der Scheune.

    Ansonsten habe ich mich meist nur um die eigenen Tiere gekümmert. Wenn wieder einmal ein Vogel gegen die Scheibe geknallt ist, wurde ihm etwas Wasser hingestellt, aber das war es auch schon. Einmal habe ich eine Maus vor unserer Katze gerettet. Wobei mir erst später klar wurde, dass das gar nicht so richtig war.

    • Mitfahren auf dem Traktor (das sagt hier keiner, das heißt “Trecker”) war damals auch das Größte für die Jungs aus der Nachbarschaft und es war Grund für erhebliche Eifersucht, wenn ein Bauer beschloß, man jemand anderes als seinen Stamm-Beifahrer mitzunehmen.

      Die vielen Blumen vermisse ich.

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