Berufskrankheit

Ich rede nicht vom Burn Out. Nein, was ich am beunruhigendsten bei Menschen im Sozialwesen finde, ist eine ganz andere Diagnose: Zwanghaft positives Denken... oder besser gesagt: Zwanghaftes, rücksichtsloses Gutfinden und Es-auch-mal-positiv-sehen. Das macht mir vor allem deswegen Sorge, weil ich selber auch schon davon befallen war... oder: Ich bin es vielleicht immer noch. Aber ich habe es akzeptiert und kann nun hoffentlich dagegen vorgehen.

Ich heiße Denis und ich bin Schönredner.

Egal, welche persönlichen Schicksalsschläge, Katastrophen und Niederlagen einem Menschen auch widerfahren mögen, der Sozialarbeiter wird immer noch eine positive Sichtweise dazu finden. Ihr könnt euch darauf verlassen. Beliebt ist zum Beispiel:

"Sie haben den Job nicht bekommen? Nun, da haben sie endlich Klarheit über ihre Außendarstellung bei Einstellungsgesprächen."

Oder auch:

"Ihr Mann hat sie verlassen? Nun, jetzt haben sie endlich Gelegenheit, ihr eigenes Leben selbst zu gestalten. Sehen sie das gute darin! Wie, der Gedanke kam ihn noch gar nicht? Sie lieben ihn? Naja... also, wenn sie mal bedenken... bla bla..."

Mal ganz abgesehen von den fürchterlichen Grausamkeiten, die man über straffällige, drogensüchtige, verprügelte oder prügelnde Kinder und Jugendliche sagen kann. Ich kann euch garantieren: Ich kann euch zu jeder Lebenslage eine Erwiderung liefern, die es mir ermöglicht selbst auf keinen Fall etwas nah an mich heranzulassen und ganz, ganz sachlich und produktiv zu bleiben.

Das ist manchmal praktisch und auch notwendig.

Aber manche Leute (ich) haben ab der ersten belastenden Zeit im Beruf angefangen... auch im Privatleben so vorzugehen. Ich merke erst jetzt, wie unerträglich ich geworden sein muss - wenn jedes tiefer gehende Gespräch in zweckorientierten Smalltalk mit klar ausformulierten Zielvorstellungen münden muss, nur weil ich nicht ertragen kann, dass mir etwas zu nahe geht. Klar, ich will immer nur helfen. Das stimmt wohl.

Aber manchmal muss man nicht "helfen wollen", vor allem dann wenn man es einfach nicht kann. Manche Dinge sind schlimm. Manche Dinge sind schrecklich und sie hinterlassen Narben und niemand kann dagegen etwas tun. Manchmal sollte man nicht produktiv und zielorientiert und handlungsfähig-distanziert bleiben.

Sondern Freund.

Oder mehr.

Zugeben, dass man mitleidet. Da sein.

Es tut mehr weh. Aber ich habe es vermisst.

4 Kommentare

  1. Und ich stelle gerade fest, dass es diese Berufskrankheit auch dann noch gibt, wenn man für sich klipp und klar beschlossen hat, dass dieser Berufszweig nichts für einen ist..,. hat wohl einfach auch was mit dem an-sich-ranlassen zu tun…

  2. Sicher, auch das. Ich mache inzwischen etwas anderes – immer noch im Sozialwesen, aber nicht mehr in der Kinder/Jugend/Familienhilfe.

    Es hat auch damit zu tun, ein intaktes persönliches Umfeld zu haben – wenn das nicht da ist, habe ich auch immer mit dem Kram von der Arbeit gut umgehen können. Wenn es mir selbst schlecht geht und dann noch niemand zuhause/online/indernähe verfügbar ist, mit dem man gut darüber reden kann… dann wird es schwer.

  3. Das mag zwar durchaus so sein bzw so scheinen, aber auch wenn das Umfeld intakt ist, ist der Kram da und sackt ins Unterbewusstsein, wo es zwar für den Moment nicht registriert wird und vielleicht auch nicht so schwer wiegt, wie in Zeiten, in denen es einem nicht gut geht. aber da ist es und einholen kann es dich/ einen trotzdem… zumindest hab ich die Erfahrung so gemacht, dass ein stabiles Umfeld etwas wunderschönes und stärkendes ist, aber eben kein Garant dafür das alles gut ist, selisch gesehen.

  4. Nun, ich hatte tatsächlich nie Burnout – schlechte, traurige Tage habe ich aber immer wieder gehabt, klar. Man ist allerdings auch ausgebildet und die „Laien“ gehen wirklich meistens davon aus, dass das nicht ausmacht. Es macht viel, viel aus.

    Allerdings: Eine Garantie gibt es nie, in keinem Beruf. Die hat auch ein Maler nicht, der immer mal gegen eine seiner Chemikalien allergisch reagieren kann. Einem Maurer kann der Rücken kaputtgehen. Und so weiter, und so weiter.

    Wichtig sind gute Teams, gute Arbeitsbedingungen. Das geht im Sozialwesen derzeit im knallharten Preiskampf der privaten Anbieter den Bach runter.