Meine amerikanischen Verwandten

In den 20er und 30er Jahren sind viele Leute aus meiner dörflichen Heimat in die USA ausgewandert. Einige aus wirtschaftlichen Gründen und andere aus politischen, wenige aus Abenteuerlust. Das waren auch die Leute, die nach dem Krieg Pakete mit Hilfsgütern in die alte Heimat geschickt haben; meine Großeltern waren ihnen dankbar solange sie lebten und meine Mutter und die überlebenden, die sind es noch immer. Unsere Verwandten haben sich in der Gegend niedergelassen, in der man streng gläubig ist und kaum einer seine Kinder zur Schule schickt - Home Schooling ist dort gang und gäbe. Jeder ist in der Kirche engagiert und keiner trinkt Alkohol oder hört komische Musik oder liest seltsame Bücher.

Heute waren sie bei meinen Eltern zu Besuch und ich war eingeladen. Nicht nur, weil ich einigermaßen englisch kann, sondern auch weil ich seit vielen Jahren die hin- und her gehenden Emails übersetze, was ehrlich gesagt nicht besonders viel Arbeit machte. Man wollte mich mal kennenlernen und ich hatte mächtig Lampenfieber. Ich habe schon lange nicht mehr ausgebiegig englisch geredet und noch dazu… ich kannte ja die moralischen Maßstäbe die an das Leben gelegt wurden, die vielen "May God bless you all" und so weiter, die ich über die Jahre ins deutsche übertragen hatte.  Die ganzen schrägen Geschichten über amerikanische Christen vom Lande, die man immer wieder gelesen hat.

Aber dann… waren es ganz normale, etwas langweilige Leute mit denen ich am Ende nicht so viel zu erzählen hatte. Leute, die sich für meinen spannenden Beruf interessierten. Leute mit ganz normalen Problemen, nur vielleicht weniger temperamentvoll, fürchterlich brav und von einer sehr höflichen Art. Diese Menschen ruhen in sich, das schaffe ich wohl nie auf diese Weise.

Wir haben uns über die Autobahn, die winzigen europäischen Länder und die Stellen unterhalten, an denen ihre Großeltern begraben liegen. Ich habe erklärt, was "bierernst" bedeutet.

Morgen geht es dann weiter nach Wales, die nächsten Wurzeln aufspüren. Darum habe ich mich früh verabschiedet ... ich muss ja auch arbeiten und wieder nach Bielefeld fahren. Erst als ich Auto saß, kam mir der Gedanke, dass ich mindestens zwei der älteren Besucher sicher nie wieder lebendig sehen werde und da… war ich plötzlich traurig und dachte einen Moment darüber nach, wirklich der Einladung zu folgen, sie einmal zu besuchen. Die Zeit wird knapp.

War gar nicht schlimm. War schön. Abgesehen vom gewohnt furchtbaren Eltern-englisch: Gut, dass ich hingegangen bin.

Ich glaube, jetzt trinke ich mal ein Bier und proste jemandem in der Ferne zu. Es wird allerdings eins mit Alkohol sein. 

 

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