Tief in mir, zuhause.

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Aktuelle Stimmungslage.

Als ich eben nach Hause fuhr, konnte ich weit vor mir einen Motorradfahrer sehen, einen der eine dieser großen, schweren Maschinen fährt und das immer schnell. Kein anderes Fahrzeug war zu sehen und der Ortsausgang nicht allzu weit und er gab Gas. Mitten auf der Straße bemühte sich eine Schwarzdrossel in die Luft zu kommen, aber der Motorradfahrer schien sie nicht zu bemerken oder es war ihm einfach egal: Er traf den Vogel, der sich ein paarmal überschlug und dann auf der Seite liegen blieb. Ein Flügel ragte in die Luft und zuckte krampfhaft. Er hatte damit nicht aufgehört, als ich vorbeifuhr.  Der Motorradfahrer bewegte nicht einmal seinen Kopf, um vielleicht in seinen Rückspiegel zu schauen. Er war schon viel zu weit weg.

Ich musste an eine Geschichte denken, die ich in der Zeitung gesehen hatte, genauer gesagt war es das Foto: Eine formlose Masse schmutzigen, schwarzen Fells, nur durch den Text darunter als ein kleiner Hund erkennbar. Aber man sah sehr gut eine Kordel, die um seinen Hals gebunden hatte, am anderen Ende ein Pflasterstein. Man hatte ihn ins Wasser geworfen und dort war er wohl genau wie von seinen Besitzern gewünscht elendig ertrunken.

Es ist nicht so, dass mich derartige Bilder, solche Erlebnisse früher nicht berührt hätten. Eigentlich sollte man sich ja daran gewöhnt haben, oder? Das mit dem Backstein, das hat man früher (?) traditionell mit überzähligen Kätzchen gemacht. In einem Sack. Das mit dem Vogel, habe ich das nicht schon oft gesehen? Ein kleiner Stich, ja, aber dann hat man es bald geschafft, es durch andere Gedanken zu verdrängen - oder etwa nicht? Dieser Tage verfolgen mich Sachen wie diese. Ich war nicht gewohnt, nachts aufzuwachen und die Bilder wieder vor Augen zu haben und dann den Gedanken "Was ist das für ein Wesen - Mensch?". Früher habe ich weniger hilflose und vielleicht selbstmitleidige Artikel geschrieben; ich hatte immer das Gefühl, das bei anderen Menschen lassen zu können. Noch besser: Gar nicht darüber reden müssen. Wissen, dass es eben auch andere Leute gibt, sogar jemand der an mich denkt, jemanden der mich vielleicht sogar ein wenig liebt und das aus freien Stücken und nicht aufgrund von Verwandschaft oder Gewohnheit. Mein moralischer Kompass, wenn ihr so wollt.

Nun, diese Sicherheit ist fort. Ich habe es mir selbst zuzuschreiben und das ist ein Grund, warum ich morgens nicht mehr gut in den Spiegel schauen kann und so etwas wie "eigentlich bist du ganz erträglich" denken kann. Das konnte ich ziemlich gut, solange da jemand war, der das scheinbar viel mehr glauben konnte als ich selbst es je vermögen würde. Nun brauche ich keine mitfühlenden Kommentare in diesem Blog, aber dafür bin ich endlich am Kern dieses Textes: Ich habe das miese Gefühl, dass dieses Blog in der letzten Zeit zu einer Art seelischem Mülleimer für meine Befindlichkeiten geworden ist. Ich hatte das Gefühl, dass zu schreiben, viel zu schreiben mir helfen würde, diese Leere los zu werden, die tiefe Empfindung von Sinnlosigkeit und Schuld - das funktionierte jeweils für ein paar Minuten. Danach hatte ich den ganzen Emotionalen Kram aus meinem System getippt, aber natürlich kam der bedeutend schlimmer zurück und natürlich lag ich dann wieder wach. Ihr musstet das alles lesen (oder habt es freiwillig getan. Das kann ich kaum fassen.).

Tut mir leid.

In der Vergangenheit hätte ich das Blog einfach geschlossen. Das tue ich nicht mehr. Auch wenn es sich komisch anfühlt. Ich habe immer auch für diesen einen Menschen geschrieben und wenn ich von diesem Menschen eine Meinung zu einem Beitrag bekam, dann war das die Welt für mich - auch wenn mein Machwerk zerrissen wurde, was durchaus vorkam. Ich kenne mich gut , ich werde sowieso weiterschreiben. Wer weiß, vielleicht liest ja doch auch dieser eine Mensch mit und vielleicht findet der eine oder der andere Satz Anerkennung. Auch wenn ich nichts mehr davon höre. Aufgeben ist diese eine Sache die ich am allerwenigsten kann. Manchmal habe ich das Gefühl, anders wäre es gesünder. Aber das wäre nicht ich, oder? Nein.

Darum mache ich weiter, vielleicht etwas überlegter. Für mich selbst. Für euch.  Für Dich, immer noch. Egal, wie theatralisch das auch klingen mag, ok?

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