Wir-Gefühl

Vielleicht ahnen einige Leute bereits, worauf ich hinaus will: Es ist der exzessive Gebrauch der "Wir-Form" in oh-so-vielen Texten der letzten Jahre.

Wir sind bequem geworden. Wir verhalten uns zunehmend selbstgefällig. Wir Männer sind total unreflektiert. Wir Männer wollen immer Fleisch essen. Wir sind abhängig von unseren Smartphones. Wir bilden uns unsere Lebensmittelintoleranzen ein. Wir Singles sind allesamt unglücklich und wünschen uns insgeheim eine Beziehung, sind aber zu feige es zuzugeben.

Und so weiter. Und so weiter. Ich lese solchen Kram und wundere mich, seit wann Telepathie allgegenwärtig geworden ist und wer mich zum besten Kumpel der Schreiberinnen und Schreiber gemacht hat, die scheinbar einen vollständigen Einblick in meine Befindlichkeiten haben. Ich lese die erste Zeile und bin bereits derselben Meinung des Textes und wundere mich, wie so etwas geht.

Das steht schließlich so da geschrieben.

Nicht: "Ich traue mich nicht, Mitglieder des anderen andere Geschlecht anzusprechen und fühle mich einsam.", sondern "Wir sind einsam und finden es enorm schwierig, das erste Wort zu finden."

Der Erzähler spricht einfach mal für mich mit und nimmt sich als Person bequemerweise selbst aus der Schusslinie, wenn denn ach-so-kluge Betrachtungen über uns abgesondert werden. Denn, hey, man schreibt ja nicht nur die eigenen Ansichten und Erfahrungen nieder, sondern weiß seine Armee aus Lesern hinter sich, denen man dieselbe Denke unterstellen kann. Da ist man wenigstens nicht so alleine in seinen Aussagen. Ist das so? Ich weiß es nicht.

Ehrlich gesagt will ich überhaupt nicht wissen, was wir denken und fühlen und zu sagen haben. Ich will wissen, was du denkst und fühlst.

Ich fände es schön, wenn du das verdammte Rückgrat hättest, deine Texte auch in deinem Namen zu schreiben - nicht in unserem, wer immer das auch sein soll. Das wäre spannender. Es wäre weniger feige und auf jedem Fall weniger anbiedernd und anmaßend. Wenn du denn etwas zu sagen hast. Vielleicht finde ich mich darin wieder, aber das entscheide ich - bitteschön - selbst. Nebenbei: Ich war übrigens auch noch nie Papst oder Weltmeister von irgendetwas.

Schreib in deinem Namen, schreib deine Geschichten.