Das Grauen, das zur Theke kam.

Astra. Das waren die guten Zeiten dieses Abends.

Astra. Das waren die guten Zeiten dieses Abends.

Gar nicht so selten gehe ich demonstrieren. Meistens geht es gegen irgendwelche rechten Umtriebe und weil ich in Bielefeld lebe, sehe ich die die andere Seite gar nicht, einfach weil es hier im traditionell eher "roten" Bielefeld eine sehr, sehr ausgeprägte Tendenz zur anderen Seite gibt. Das ist gut so, finde ich. Ich fühle mich relativ sicher in Bielefeld, zumindest was die ganze Nazigeschichte angeht.

Ich gehe nach so einer Demo dann immer nach Hause und denke, die komischen Leute mit den scheußlichen Ansichten habe auch eine ähnliche Entscheidung getroffen - es handelt sich ja in weiten Teilen sowieso um Auswärtige, auch wenn wir natürlich auch ein paar stadtbekannte Rechte haben - aber um die Teilnehmerzahlen zweistellig zu bekommen, wird halt gern zu uns gereist.

Nun gut. Ihr kennt das ja vielleicht auch: Man ist ein wenig ausgegangen, hat ein, zwei, drei Drinks gedrunken und beschließt, den Abend so gegen Mitternacht ausklingen zu lassen und die kurze Wanderschaft nach Hause anzutreten. Du nimmst deinen Deckel und begibst dich an die gewohnte Stelle an der Theke um zu zahlen und dann…! Dann passiert das Unvermeidliche: Da sind Leute, die du bisher noch gar nicht gesehen hast und die du schon seit langem mal wieder sehen wolltest! Das sind Leute, die dich schon lange nicht mehr gesehen haben und dich sogar auch immer mal wieder sehen wollten! Natürlich ist es in einer solchen Situation - Müdigkeit hin oder her - komplett ausgeschlossen, der Vernunft zu folgen und heim zu gehen. Ihr unternehmt etwas ganz anderes: Ihr geht gemeinsam zum anderen Ende der Innenstadt und sucht Tanzlokal auf, in dem du noch nie warst und bislang auch nie auch den Ansatz eines Interesses hattest, dort einmal einzukehren. Aber, hey, die Gesellschaft ist viel zu nett und die Nacht ist plötzlich viel zu jung.

Man amüsiert sich tatsächlich gut, auch wenn dort recht wenig Gäste anwesend sind - genauer gesagt sind wir die einzigen Menschen dort, die nicht für ihre Anwesenheit bezahlt werden. Wir sind natürlich gut darin, uns auf jeden Fall zu amüsieren. Die Musik ist auch gar nicht so schlimm. Warum ich meistens Cola und sonst höchstens einmal das zweifelhafte Becks Lemon trinke, kann ich mir aber auch nicht so richtig zusammenreimen. Vermutlich, weil mein Unterbewusstsein vom Verderben ahnt, das über den unterbesuchten Laden kommen wird, genau wie damals über Sarnath beim ollen Lovecraft 1.

Du stehst also an der Theke und versuchst, dich nicht mit dem volltrunkenen Typen zu unterhalten, der das exakte Gegenteit mit dir vorhat, bevor du drei Getränke für deine Leute und dich bekommst und dich aus dem Staub machen kannst. Du bestellst nichts Böses ahnend und du spürst einen Arm, der sich fast zärtlich um dich legt und ein nicht unbeträchtliches Gewicht das auf dir lastet…das alles erst nach der vernehmlichen Fahne des Neuankömmlings.

"Du."

"Ja? Was ist denn?"

Er schaut mir tief in die Augen und erhebt die Stimme.

"Ich liebe meine Tochter."

Er lässt sich auf einen Hocker sinken, lehnt aber weiter auf mir. Ich war schon lange nicht mehr so innig umarmt worden, aber ich hatte das durchaus angenehmer in Erinnerung. Der Typ trägt schwarz und Glatze und war ganz schön groß und ganz schön breit. Er will wissen, wie ich mit Vornamen heiße und ich sage es ihm, er sagt mit seinen. Er umarmt mich erneut.

"Ich liebe meine Tochter und ich liebe Deutschland."

"Ah. Das ist ja gut, dass du deine Tochter liebst. Das freut mich."

"Trinkst du einen mit mir? Liebst du Deutschland auch so?"

Was sagt man denn das so ein einem solchen Moment? "Liebst du deine Tochter auch so wie du Deutschland liebst?" wäre wohl nicht ideal, nehme mal ich an. Mein leicht beeinträchtigtes Hirn arbeitete auf Hochtouren. Jetzt bloß keine Szene, denke ich - der soll einfach alle hier und insbesondere jetzt gerade mich in Ruhe lassen. Aber auf gar keinen Fall werde ich mit dem Typen anstossen. Das Gekuschel darf auch gern aufhören.

"Nein, ich liebe Deutschland nicht so wie du, glaube ich."

Ich sage es einfach und wundere mich über meine Courage. Ich lächle, klopfe ihm auf die Schulter und sage, dass ich nicht mit ihm trinken möchte. In diesem Moment bringt der Barmann meine Bestellung und ich empfehle mich, vielleicht ein klein wenig eiliger als ich das sonst getan hätte. In meinem Kopf wirbeln die ganzen Sätze durcheinander, die ich hätte sagen sollen und…die vermutlich nicht so gesund gewesen wären2.

Der Typ hat an diesem Abend noch buchstäblich jeden der inzwischen zahlreicheren Gäste angesprochen, bis er von einem wirklich peinlich berührten Türsteher ganz sicher nicht weißer und westeuropäischer Herkunft sanft hinausbegleitet wurde, der sich danach bei (buchstäblich) jedem der Gäste entschuldigte.

Im Nachtleben trifft man Menschen, denen man sonst niemals begegnen würde. Leider eben auch bisweilen die Sorte, die man auch niemals treffen wollte.


  1. H.P. Lovecraft: Bekanntlich selbst arger Rassist und Antisemit und auch sicher nicht die angenehmste Gesellschaft. 
  2. Im Nachhinein denke ich, dass ich da vielleicht ein wenig überreagiert habe, konkret bedroht hat er mich ja nun überhaupt nicht. Ich wollte schlicht nicht da bei ihm sitzen und ein kumpeliges Gespräch mit einem Menschen fühlen, der mir in vielerlei Hinsicht zuwider war. 

2 Kommentare

  1. Och, danke. Sorry, dass ich so spät antworte. Mir reicht der Link, ich bin gern mysteriös 🙂