Gorgmorgs Obsessionen.

JorkensGuten Tag, ich heiße Denis und ich habe Obsessionen. Die habe ich schon mein ganzes Leben lang. Ziemlich sicher hast du auch Obsessionen. Das ist schon okay, würde ich sagen. Wir sind hier ja schließlich unter uns und die anderen sind bestimmt nicht anders.

Ich glaube, wir reden besser nicht über die Angelegenheiten, die mit anderen Menschen zu tun haben. Das wird sonst ganz schnell etwas gruselig und ich glaube, die meisten unter uns haben sich sowieso schon einmal sehr, sehr hingebungsvoll für einen anderen Menschen interessiert. Ich will zugeben, dass ein ganz bestimmtes Lächeln oder eine hübsche Nase… lassen wir das erstmal. Die meisten von uns fangen aber in solchen Situationen nicht unbedingt damit an, geliebte Menschen beispielsweise zu… sammeln. Falls du dich angesprochen fühlst und Menschen sammelst: Hör unbedingt auf damit! Das ist echt schräg und ich halte es für wahrscheinlich, dass diese Leute es gar nicht schätzen, gesammelt zu werden.

Ich habe schon viele Sachen - Sachen sind okay, Lebewesen nicht- angesammelt. Ich kann mich daran erinnern, dass ich als Kind Berge von Musikkassetten angesammelt habe. Ich habe sie mit Aufnahmen vom Radio bespielt und fast nie wieder angehört - wie das eben mit Aufnahmen so ist. Man versucht etwas festzuhalten und das Gefühl in diesem Moment ist genau das, was am Ende nicht auf dem Magnetband zu finden ist. Ich habe auch damals keine Vinyl-Platten gekauft, sondern mich auf Kassetten verlegt, die schon ein paar Jahre später nicht mehr abspielbar waren. Irgendwann fand ich heraus, dass ich LPs auf der großen Stereoanlage meiner Eltern abspielen konnte und wie viel besser das klang. Damit war die Episode mit den Kassetten ganz schnell abgeschlossen. Ich glaube, die müssen noch irgendwo bei meinen Eltern liegen.

Ich war ein großer Fan von Bruce Springsteen und stand damit in meiner Grundschulklasse ziemlich alleine da - ich stand sowieso meistens ziemlich alleine da, aber das ist noch eine andere Geschichte. Ich will hier nur sagen, dass ich vermutlich der einzige bin, der einen „Born in the USA“ Seesack besitzt, komplett mit Aufdruck vom „Boss“ in armloser Jeansjacke und dem absolut notwendigen Stirnband, yeah! Die Faszination verließ mich abrupt mit dem schrecklichen „Tunnel of Love“ Album, aber ich mag Springsteen immer noch. Noch frühere musikalische Obsessionen waren die Harry Belafonte „Greatest Hits“ meiner Eltern und… die zu Recht gefürchtete deutsche Band „Dschingis Khan“. Reden wir nicht weiter über Dschingis Khan.

Später legte ich eine Sammlung von mehr oder weniger exotischen Rollenspielregelwerken an, von denen ich ein geschätztes Viertel überhaupt nur einmal im Spiel benutzt habe; die anderen habe ich nur gelesen und stellte mir dabei vor, wie toll es wäre, das zu spielen. Meine weniger abenteuerlustigen Freunde waren dafür nicht zu haben. Ich frage mich oft, wo die ganzen Bücher eigentlich geblieben sind. Ganz, ganz tief im Keller meines Vaters sind immer noch trocken gelagerte Umzugskartons voller Schätze, so die Legende. Ich würde irgendwann mal eine Expedition dahin organisieren, aber ich bin kein Indiana Jones und ich habe tatsächlich manchmal Angst vor meiner Courage. Wer weiß, was da alles zum Vorschein käme…!

Ganz sicher befindet sich da auch ein Großteil meiner gesammelten Jack Vance und Lord Dunsany Buchschätze, die ich über Flohmärkte und später Amazon und Ebay zusammengetragen habe. Warum habe ich nie ein schönes Regal für sie angeschafft? Ich finde, am merkwürdigsten an Obsessionen ist der Moment, in dem sie verblassen. Das Gefühl, in dem dich etwas verlässt - ein kleines bisschen Wehmut und vielleicht ein Funken Erleichterung. Danach kommt dann die große Frage: "Wohin mit dem Zeug?". Ich will nicht umgeben von verblichenen Obsessionen leben. Verkaufen oder gar wegwerfen kommt für mich auch nicht in Frage, ich mag den ganzen Schiet ja noch - es reicht, wenn ich das alles nicht mehr ständig vor den Augen habe. Ich habe mal meine Comics auf dem elterlichen Dachboden gefunden und ein großer Teil war irgendwann einmal nass geworden; die Seiten klebten zusammen und, ach. Das tat ganz schön weh.

Ich bin ja schon ganz froh, dass ich - zum Beispiel - niemals eine Leidenschaft für Autos oder Baumaschinen entwickelt habe. Vielleicht Architektur? Damit wären die Kapazitäten meiner Eltern ganz klar überfordert gewesen.


P.S. Mir fällt gerade auf, dass ich gar nichts zu Computerspielen geschrieben habe. Das ist wohl einen eigenen Beitrag wert.

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