Ich wollte doch nur Natron! Oder: Legenden der Kundenorientierung

Kaisernatron

Bielefeld hat nicht nur seine eigene Burg, sondern auch eine eigene imperialistische Natronsorte.

Im Supermarkt an der Ecke gibt es kein Natron mehr. "Super", dachte ich, "jetzt muss ich ja noch den Fußmarsch zum Central auf mich nehmen und - was noch schlimmer ist - dann dort auch noch einkaufen. Für 69 Cent." Fremde des Bielefelder Westens sollte ich vielleicht darüber aufklären, dass der Centralkauf ein ganz normaler Supermarkt ist, der von preisbewussten Rumsitzpersonen genutzt wird, um sich mit gekühltem Bier für den nebenan gelegenen Siegfriedplatz zu versorgen. Sonst kauft man dort eigentlich nur im Notfall ein, jedenfalls betrifft das mich und Teile meines Freundeskreises.

Ich hatte mein original Bielefelder Natron gefunden und freute mich, dass ich nun endlich den hartnäckigen Bohnen für das Chili zu Leibe rücken konnte. An der Kasse konnte es ja unmöglich länger dauern, nicht um halb zwölf unter der Woche. Das dachte ich mir jedenfalls, als ich meinen kleinen Einkauf auf das Band legte.

Der eine andere Typ vor mir - so ein älterer Bursche in eindeutig zu knappen Ballonseideshorts - war tief in einem Beratungsgespräch verstrickt und schien noch dazu sehr in Eile zu sein.

"Gibt es hier rote Gauloises?" "Genau vor ihnen. Drücken sie auf den Knopf, dann kommen sie dran."

Er tat wie ihm angeraten und bediente sich, zwei Päckchen.

"Ah. Nun weiter. Sind die auch blickdicht? Dazu steht nichts auf der Packung."

Ich dachte zuerst, es ginge um die optischen Qualitäten der Tabakwaren, dann erinnerte ich mich eine Besonderheit des Centralkaufs: Nicht nur den Tabak bekommt man nur an der Kasse, das gilt in diesem besonderen Markt auch für Kondome. Der junge Mann im Dienst zeigte sich der Situation voll gewachsen.

"Ich glaube, nicht ganz. Da schimmert was durch." "Hm. Haare wohl auch. Und die hier?" "Besser, sie nehmen die Weißen. Die in Latexfarben sehen schon sehr nach... naja, nach Gummi aus." "Zeigen sie mir die anderen auch noch. Die schwarzen Dinger können sie weglassen, die interessieren mich nicht."

Der tapferste Streiter des Einzelhandels tat, wie ihm geheißen: Er zeigte die mehr oder weniger neutralen Pappverpackungen und las dem Kunden die Beschreibungen vor. Während dessen sammelte sich eine ganze beachtliche Schlange hinter mir an. Die Wartenden beklagten sich nicht - sie waren viel zu fasziniert von den Schauspiel, das sich ihnen darbot. Ihr leises Tuscheln und Kichern störte den Präservativinteressierten offenbar nicht im Geringsten.

"Ich interessiere mich weiter für die Weißen. Zeigen sie mir die nochmal, bitte. Danke. Was muss ich für die zahlen?" "Die kosten 3,34€" "Oh. Die Durex sind billiger, richtig?" "Stimmt. Die sind aber auch durchsichtiger: 2,99€." "Geben sie mir die, bitte. Haben sie auch Red Bull... aber... so gekühlt?" "Ja... schon..."

Der Held an der Kasse machte zum ersten Mal eine kleine Pause, holte kurz Luft bevor er... ganz ruhig... fortfuhr.

"... bei den anderen gekühlten Getränken. Ich lasse da aber erstmal die anderen Kunden vor, wenn das in Ordnung ist."

Ich kam endlich an die Reihe und bezahlte schnell, bevor er wiederkam. Ich lobte beim Herausgehen den Kassierer für seine Beratungskompetenz und Gelassenheit und wurde von ihm mit meinem Blick belohnt, der das nicht enden scheinende Leid von 1000 Jahren (oder bestimmten fünf Minuten an der Kasse) ganz anschaulich ausdrückte. Sein Mundwinkel zuckte fast unmerklich, dann wünschte er mir einen schönen Tag und wand er sich der Kundin hinter mir zu. Auf dem Weg nach draußen wurde ich vom dem Kondomkunden im Laufschritt überholt, bevor er beinahe beim überqueren der Straße angefahren wurde, was ihn nicht von seinem Ziel abbrachte. Der Autofahrer starrte ihm nach, als der Kurzbehoste um die Straßenecke hastete. Ich starrte mit.

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