Laufschuhe im Kofferraum.

Kofferraum

Ich habe extra noch einmal für euch nachgeschaut.

Ich habe einmal ein besonders großes Kompliment von meinem Brötchengeber bekommen und ich bekam es nicht etwa in Form eines gut gefüllten Wurstkorbes oder gar einer Prämie vermittelt - nein, es gab etwas Besonderes für mich: Ein Abend in der Stadthalle mit einem besonders bekannten Motivationstrainer. Da habe ich mich gefreut, was zu einem überraschten bis erleichterten Gesichtsausdruck bei meiner direkten Vorgesetzten führte und bei mir zu einiger Verstimmung, weil ein ansonsten definitiv feucht-fröhlich geplanter Freitagabend nun ganz anderes verlaufen würde. Aber ich war neu in diesem Job und jedwede Anerkennung war mir mehr als recht - keine Chance, dass ich dieses Geschenk ausschlagen würde: Man schätzte meine Arbeit.

Damals wusste ich natürlich noch nicht, was mich dann erwartete.

Der große Saal der Stadthalle war bis zum letzten Sitz gefüllt, zumeist von Personen die ganz offensichtlich ebenso wie ich mit einer “Anerkennung der Geschäftsführung” beschenkt wurden. Man stand ein wenig verloren in der Gegend herum und wunderte sich, ob man vielleicht doch lieber in der Art ungebügeltem grauen Anzug hätte erscheinen sollen - denn der war hier augenscheinlich der inoffizielle Dresscode. Nun gut, man reichte den Gästen O-Saft in Plastikbechern und das kostenlos - so freundlicher gestimmt sollte ich der Veranstaltung wohl eine Chance geben.

Der Trainer war Sportmediziner, aber vor allem Sportler - so sah er auch aus. Er rannte auf die Bühne und riss die Arme in die Höhe, wie er - der hauptberufliche Siegertyp - es wohl sonst an der Ziellinie seines dritten täglichen Ultra-Marathons zu tun pflegte. So oder so ähnlich waren meine ersten Gedanken und wie sich herausstellte, lag ich falsch: Er machte eher Triathlon als Marathon, das lernte ich schnell aus seinen Powerpoint-unterstützten Schilderungen seiner verschiedenen Erfolge bei diversen Iron Man-Veranstaltungen. Er war so unglaublich braungebrannt für einen Tag im November, dass er genauso gut vom Mars stammen könnte und nicht etwa irgendwo aus dem Süden von Deutschland - so fremdartig wirkte er vor diesem Publikum von sichtlich erschöpften Leuten, die gerade ihre ganz normalen kleinen Siege und Katastrophen auf der Arbeit hinter sich hatten. Nur, wie konnte ich selbst so werden wie lockere Trainer-Guy? Er lies das Publikum auf einem Bein stehen und konnte viel länger als jeder einzelne von ihnen. Der Mann war kompetent - das war nun wirklich jedem von uns klar, noch mehr als das: Unsere Leben würden sich ändern und das sofort. Wir müssten es nur tun. Wir mussten nur zuhören und dann alles ändern. Er konnte es ja auch und er konnte es auf einem Bein.

Das ging so: Den Schlafphasen entsprechend aufstehen, die Laufschuhe gleich am Bett, jeden Morgen erstmal einen Apfel und dazu einfach heißes Wasser - ”Kaffee ist aber auch ok. Ich weiß, das sollte ich nicht sagen, aber Kaffee ist ok.”[Lacher] - und dann raus um die Häuser. Jeden Tag, gleich morgen früh. Zwischendurch Nüsse als Snack, am besten Walnüsse - “Haben sie sich die mal genauer angeschaut? Die Kerne sehen fast so aus wie Gehirne. Da sieht man gleich, dass die Natur sich etwas dabei gedacht hat.” - und dann wird das alles schon laufen. Wenn der Job einen nicht glücklich macht, tja, dann sucht man sich einfach einen neuen. Außerdem einfach mehr Training, das muss man einfach nur mal wollen, egal wie müde man nach der Arbeit auch sein mag. Außerdem - das sagte er mit einem verschwörerischen Zwinkern von der Großleinwand hinab - gäbe da gewisse Momente… hier wurde ein Bild seiner Frau gezeigt, genauso gebräunt, genauso fit, genauso lächelnd, sie sah ein bisschen aus wie ein Fitnessmodel - “… sie ist Fitnessmodel.”… da könnte man als Mann dann einfach besser performen “wenn es drauf ankommt, wenn ihr wisst was ich meine. Ihr Frauen hier wisst was ich meine. DU weißt was ich meine.”.

“Morgen DU.”

Meine Güte. Der Typ hatte den Bogen raus. Der Typ war ein Gewinner. Das musste ich neidlos (naja…) anerkennen.

Schwer beeindruckt plante ich den nächsten Morgen durch… wie ich den den Wecker umstellen müsste und wann ich ins Bett musste. Ich überlegte, wo genau meine lang vernachlässigten Laufschuhe wohl liegen könnten. Ich hörte weiter zu. Möglicherweise war das ein Fehler. Trainer-Guy berichtete uns über seinen Tagesablauf. Wie er wie bereits im kleinesten Detail beschrieben aufstand, wie er trainierte, trainierte, arbeitete, arbeitete, trainierte, meditierte, für sich kochte, laufen ging und dann zeitig ins Bett kroch - vermutlich nachdem er seine Frau sportlich zu zahlreichen Höhepunkten gebracht hatte - das sagte er zwar nicht, aber ich und vermutlich große Teile des dachten es uns. Ziemlich genau in diesem Moment tat er mir plötzlich leid und ich tat mir plötzlich selbst ein ganz gutes Stück weniger leid. Trainer-Guy wird sicher 150 Jahre alt, aber das könnten 150 ganz schön freudlose Jahre werden, in denen es nur um Leistung, Leistung, Leistung geht - sogar ficken war bei ihm so eine Art Leistungssport - ja, das klang genau so, aber er war sowieso besser darin als wir, haha - und solche Sachen wie Ausgehen, gekonnt inzenierte Abstürze, Kultur, Bücher, Comics, falsches Essen, falsche Witze, ungebräunte Haut, lustvolle Faulheit und unproduktive Freundschaften, stundenlanges Konsolenzocken und Lachen Lachen Lachen… sowie die Schlummertaste auf dem Wecker, die gab es einfach nicht in diesem Leben.

“Und morgen DU.”

Danke, aber… nein. Naja, vielleicht mache ich in Zukunft wirklich ein paar Sachen anders, gesünder und einiges habe ich bereits geändert und es tut mir gut. Aber meine kleinen und großen Schwächen, die sind vielleicht gar nicht so schlimm, auch wenn ich vielleicht nicht 150 Jahre alt werde.

Meine Laufschuhe liegen übrigens bei meinen Reserverad im Auto. Ich habe eben noch einmal nachgeschaut und sie doch lieber an Ort und Stelle gelassen.

1 Kommentar