Der Alte Mann und das Lern.

Der Ordner der Verdammnis.

Ich habe die letzten paar Wochen zum großen Teilen mit Lernen verbracht und es war eine sehr anstrengende Zeit. Ich bin schon eine ganze Weile mit dem Studium fertig - ich war einer der letzten Diplomstudierenden - und es war gar nicht so leicht, sich wieder an die Paukerei zu gewöhnen. Nicht dass ihr mich missversteht: Klar, ich habe die ganz Zeit nach dem Studium über Fortbildungen besucht, ich lese schon mal das eine oder andere Fachbuch - aber erst im Rahmen einer lange, lange ausgedehnten Zusatzausbildung musste ich wieder stumpf Sachverhalte, Begriffe, Paragraphen, Verwaltungswege und Krankheitsbilder tief in den Windungen meines geplagten Hirns abspeichern. Sagt man dazu heute eigentlich noch "pauken" oder "büffeln"? Geneigte Leserschaft: Ich bin gefühlte 4000 Jahre alt.

Lernen mit 4000 Jahren auf dem Buckel ist anders als Ende 20, das muss ich mir schon eingestehen. Ich war aus der Übung und musste mich erst einmal wieder daran gewöhnen, etwa 300 Seiten Stoff konzentriert zu sichten, den Lernstoff herauszudestillieren und dann in eine lernfreundliche Form zu bringen. Ich habe mir meine damaligen Nachtschichten in den Jahren vor dem Diplom immer ganz gut verklärt, aber es ist keine Frage, dass ich mich nicht mehr wie im Studium um Mitternacht für drei bis fünf Stunden hinsetzen kann, um ohne große Ablenkung zu lernen. Es gibt da ja auch noch eine Vollzeitstelle, die den Großteil meiner Zeit einnimmt, dazu klingelt mein Wecker kurz nach sechs. Also: Schon rein von den Strukturen her keine Alternative, außerdem gibt es da ja noch einen Haushalt zu führen und mein Sozialleben ist mir heute auch bedeutend wichtiger als damals. Ich kann sowieso nicht mehr so viele Stunden am Stück lernen, irgendwie ist da nach ein paar Stunden Schluss, auch wenn Übung einiges brachte. Ich bin auch heute viel, viel schneller ablenkbar - wenn ich bedenke, dass man als Teenager ganz lässig fernsehen, lesen, Musik hören und nebenbei lernen konnte, kommt mir das wie die Beschreibung einer fremdartigen und möglicherweise gefährlichen Spezies vor. Musik hilft allerdings - Jazz ohne Vocals und sogar leise Klassik helfen mir - jup, klingt eher wie weit nach dem 6000. Geburtstag, ich weiß. Allerdings bin ich heute um Welten disziplinierter als mein immatrikuliertes Selbst oder als Schüler und ich kann tatsächlich sagen, dass ich wirklich sehr gerne lerne. Etwas genauer: Ich lerne inzwischen wirklich gern, ich pauke weiterhin höchst ungern - noch genauer, ich hasse es so sehr wie sonst ein hormonell übersteuerter 14jähriger es hassen kann.

Übrigens ist eine Sache über die Jahre genau gleich geblieben: Ich habe immer noch genau so viel Angst vor Prüfungen wie früher und sehe anscheinend vorab immer extrem gelassen aus. Vermutlich ist letzteres der Grund, warum die wenigsten Personen mir meine Prüfungsangst abnehmen. Was sie allerdings tun: Mir erzählen, wie unnötig es ist, Angst zu haben. Gerade ich wäre doch derjenige, der niemals durchfallen würde, weil sie ja an mich glauben und weil ich eh soooo viel Fachkenntnisse hätte. Ich sei ja immer so gelassen, so cool - sonst nennt mich übrigens wirklich niemand jemals "cool" - das kommt ausschließlich in diesem Kontext vor. Wenn mich jemand "cool" nennt, beginne mich mir also ernsthafte Sorgen zu machen: Da stimmt doch was nicht! Wenn die Sache mit der Coolness durchgesprochen wurde, wird gern erklärt was ich den alles weiß und warum ich nicht durchfallen könnte und warum es - in der Zusammenfassung - gar keinen Sinn macht, Angst zu haben, Dummerchen. Komischerweise hat das alles rein gar nicht geholfen, ehrlich gesagt ist meine Prüfungsangst so nur schlimmer geworden: Man kann eine irrationale Sache wie Angst nicht einfach weg-rationalisieren - wenn man erklärt bekommt, was die eigenen Gedanken und Sorgen für'n lächerlicher Quatsch ist und das Gefühl aber immer noch da ist, dann werden die eigenen Sorgen nur größer. Ich habe das Gefühl, dass die meisten meiner Gesprächspartner in dieser Zeit einfach hilflos waren - natürlich haben die mich alle gern, natürlich wollen sie mir helfen, natürlich glauben sie alle an mich. Mein Rat wäre: Ertragt einfach, dass ihr der Person die Prüfungsangst nicht nehmen könnt; ich weiß auch dass das hilflose Gefühl ziemlich beschissen ist. Das könnt ihr nicht wegmachen, aber ihr könnt einfach zuhören. Kurz mal zuhören und einfach ernstnehmen und ich sage: Das hilft. Das nimmt den Druck für eine Weile weg.

Inzwischen habe ich die Prüfung hinter mir, das Ergebnis wird noch einige Wochen auf sich warten lassen. Ehrlich gesagt bin ich aber vor allem froh, dass es vorbei ist und dass der Druck weg ist… endlich kann ich wieder schreiben und leben.

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