Ich mag Twitter - eigentlich. Ich bin seit 2007 Mitglied und während der letzten 12 Jahre war ich zumeist mehr oder weniger dort aktiv. Die beste Zeit hatte ich dort immer dann, wenn ich mich einigermaßen sicher gefühlt habe und ich meinen Account nicht schützen musste - jeder konnte also meinen Kram lesen und weiterverbreiten, jeder konnte mir folgen. Ich habe dabei so viele gute Leute kennen gelernt, dabei sind Freundschaften entstanden, die oft noch heute bestehen und gepflegte Abneigungen, die eben so lange Bestand hatten. Kurz: Es waren interessante Zeiten und Twitter mit großem Abstand mein liebstes Social Network, das von mir gern mit großer Leidenschaft gegen das schurkische Facebook (fauch, knurr!) verteidigt wurde.

Irgendwann wurden die Zeiten und der Ton rauher und ich sah mich gezwungen, meinen Account zu schützen. Ich war immer noch gern bei Twitter, auch wegen der privaten Kontakte, aber… der Ton dort entwickelte sich in eine feindseligere Richtung. Zwischendurch schränkte Twitter die Möglichkeiten ein, einen Client nach eigener Wahl für den Zugang zu benutzen und zwang die Benutzer mehr oder weniger sanft dazu, ihre eigenen Apps oder die eigene Website zu verwenden. Beide hatten Massen von Werbung und die Timeline wurde nicht mehr chronologisch sortiert, sondern danach, was Twitter selbst für relevant hielt. Der letzte, härteste Schritt gegen diese Clients von Fremdanbietern fand am 16.08.2018 statt - viele Funktionen wurden einfach für Zugriffe von „außen“ abgeschaltet. Das hat mich wirklich, wirklich geärgert und dieser Ärger blieb.

Aber das ist alles noch minimal verglichen mit meiner Wut darüber, dass Twitter und dessen CEO Jack Dorsey (genau, @jack) ganz offensichtlich höchst ungerne gegen Trolle vorgehen - insbesondere dann nicht, wenn es sich dabei um Nazis, Rassisten, Sexisten und LBGT-Hasser handelt - oder eben gegen Trump und seine Fans oder hier vor Ort die selbsternannte Alternative für dieses Land.

Trotzdem bleibe ich auf Twitter - und das mit ganz großer Wahrscheinlichkeit wegen dir. Ich habe dort wie oben bereits gesagt eine Menge von Menschen angesammelt, die ich nicht missen will und deren Aktivitäten ich sonst nirgendwo verfolgen kann. Aber ich werde mit recht großer Wahrscheinlichkeit meine Twitteraktivitäten einschränken und auf Mastodon weitermachen. Mastodon? War das nicht diese Band (http://www.mastodonrocks.com)? Ja, auch. Die Band ist cool, aber das Open Source Social Network gleichen Namens ist fast genauso fantastisch - und ich hoffe, es wird noch viel besser und ich kann Twitter verlassen… schön, das tue ich vermutlich auch von mir aus irgendwann, aber dann wäre es nicht so schmerzhaft, oder?

Das Beste an Mastodon ist für mich eine rein emotionale und höchst subjektive Sache: Ich habe wieder das Gefühl, in einer (sehr) freundlichen Umgebung zu schreiben. Leute, die mir helfen wollen und Lust haben, zu interagieren. Es fühlt sich an wie die erste Zeit in Twitter. Es ist wirklich echt gut. Mastodons hat mehr Features für Barrierefreiheit als Twitter selbst. Es ist so offen oder so sicher, wie du willst. Du entscheidest, wo du dich niederlässt und zu welchen Regeln. Die Bedienung fällt jedem leicht, der schon einmal mit Twitter gearbeitet hat - nur werden keine Tweets mehr geschrieben, sondern „Toots“ von 500 Zeichen Länge. Es wird nicht gezwitschert, es wird getrötet. Jawoll - das bekommst du schon hin!

Das zweitbeste Beste: Mastodon ist nicht nur Open Source und kostenlos, jeder kann einen eigenen Server - wir nennen das hier Instance aufmachen und bestimmen, welche Regeln dort gelten. Ja - das bedeutet, dass der Troll wirklich gebannt wird. Aber du kannst trotzdem über die Grenzen der einzelnen Instanzen miteinander kommunizieren und Leuten folgen - über eine ziemlich gute Weboberfläche oder über eine Menge von Apps, die inzwischen wirklich gut geworden sind. Es gibt besonders gesicherte Instanzen wie die Sex Work-freundliche Instance „Switter“, die beschlossen hat, in sich geschlossen zu bleiben. Das ist auch ok, man kann in den meisten Clients auch gleichzeitig mehrere Instances bewohnen. Die größte Instance ist mastodon.social, die der Erfinder selbst verwaltet. Kein übler Startpunkt, aber ich würde mich da deiner Stelle ruhig etwas umschauen.

Eine andere Beschreibung findet sich auf Bento - es widerstrebt mir zwar, auf diese Publikation zu linken, aber das ist zugegebenermaßen einigermaßen verständlich und klar geschrieben - und faul wie ich bin, lasse ich mir die Arbeit gern abnehmen - auch wenn der Artikel vom April '18 ist und nicht gerade die aktuellste Version der Plattform zeigt. Also, na gut - bitte sehr: http://www.bento.de/gadgets/mastodon-wie-die-twitter-alternative-funktioniert-1296037/

Inzwischen gibt es unter joinmastodon.org eine recht hilfreiche Funktion, mit der du deine alten Kontakte aus Twitter auf Mastodon wiederfinden kannst - das ist wirklich nett. Dennoch kann der Einstieg etwas haarig sein, denn Spaß macht Mastodon wie jedes Social Network erst dann, wenn man ein paar freundliche Kontakte gefunden hat.

Also gebe ich dir einen Kontakt, nämlich meinen eigenen und verspreche, sehr, sehr hilfreich und nett zu sein. Hier: https://mastodon.social/invite/KXNuR7eQ

Probiere es doch einfach mal aus, vielleicht macht es dir Spaß. Es ist übrigens sehr einfach, eine Mastodon-Instance zu verlassen und umzuziehen oder auch seine Daten einfach zu löschen. Mastodon ist ein dezentrales Netzwerk, niemand kann es einfach abschalten. Es gehört niemandem.

Übrigens ist dieses das Social Network, in das Will Wheaton nach seinem gestrigen Abschied aus Twitter abgewandert ist. Nur mal so nebenbei - es könnte durchaus sein, dass es sich durchsetzt.

Das hier ist eine erste Version dieses Textes und ich werde sie gegebenenfalls überarbeiten, weil ich garantiert noch Unklarheiten und Fehler eingebaut habe. Ich bin technisch nicht übertrieben fit, also habt ein wenig Gnade mit mir - Änderungsvorschläge werden aber sehr gern übernommen.