Das flache, tragbare Gedächtnis

Ich habe gerade meine gesammelten Daten von meinem alten Notebook auf einen neuen tragbaren Computer gebracht und dabei - man hat eine ganze Weile Zeit - kommt man schon einmal ins Nachdenken. Schließlich hat man Gelegenheit zur Sichtung der letzten gut zehn Jahre an fertigen und halb fertigen, ganz und fast vergessenen Geschichten und sogar Gesichtern, die man auf offensichtlich absichtlich geschossenen Fotos beim besten Willen nicht mehr erkennen kann.

Diese Sichtung habe ich natürlich gemacht, um endlich mal den alten Dreck in die Müll zu werfen. Natürlich habe ich nichts löschen können. Ihr kennt mich ja. Nun, jetzt kennt ihr mich auf jeden Fall etwas besser: Ich bringe es sowieso nicht übers Herz.

Das bedeutet nicht nur weniger freien Speicher auf dem neuen Computer. Das bedeutet auch eine viel kompliziertere und langwierigere Operation, wenn die Gedächtnistransplatation ansteht. Die dauert bei mir bei jedes Mal länger, logisch. Dieses Mal hat das kleine Datenübertragungsprogramm - der Migrationsassistent, den ich auch gern medizinisch-technischen Assistenten nenne - eine OP-Zeit von etwas vier Stunden angekündigt. Nach längerem Nachdenken: 12 Stunden. Dann 27. Dann 40 Stunden. Dann entschied er sich vorläufig für 30 Stunden und 14 Minuten.

Weil ich beim Spender-Notebook mal wieder zu verträumt gewesen bin, genau nach Anweisung den Schlafmodus auszuschalten, dauerte es auch ziemlich genau 30 Stunden. Man hofft ja immer, dass diese geschätzten Wartezeiten doch bitte ungenau sein mögen, bitte. Aber mein Notebookhersteller1 hat leider eine der besseren Funktionen dieser Art in sein eigenes Betriebssystem eingebaut. Aber Gedächtnistransplantationen sind ja auch kompliziert und dauern lange. In der ganzen Zeit darf man nicht mit dem neuen Körper… dem neuen Notebook herumspielen und fiebert und hibbelt dem Ende der Operation entgegen. Bei einem Spendergedächtnis kann ja so viel schief gehen - am Ende erkennt man sich selbst nicht wieder.

Nun, letzte Nacht ist die Verpflanzung erfolgreich abgeschlossen worden. Irgendwann um drei Uhr. Ich bin so… entspannt…

Aber ich musste darüber nachdenken, wie es wohl wäre diese Daten allesamt zu verlieren. Zwar habe ich Backups, aber der Gedanke gefällt mir gar nicht. Allein der Gedanke an all die Geschichte, die ich nie zuende schreiben könnte, all die Mails, die Fotos…

Wir lagern schon eine Menge aus. Ich wünschte mir, ich könnte das alles in meinem Kopf unterbringen… und nicht viele, aber vielleicht die eine oder andere kleine Datei würde ich auch gern löschen.

  1. Es ist die Apfelfirma. Ich glaube, das sage ich mal lieber in den Fußnoten, um keine Apple-Diskussion zu beginnen. []

Jonathan Strange & Mr. Norrell. Von Susanna Clarke

Vor ein paar Jahren war es fast unvermeidlich den auffälligen monochromen Einband dieses Buches in den Regalen der großen Buchläden zu bemerken; gerne ist der Erstlingsroman der ehemaligen Kochbuchschreiberin Susanna Clarke auch von namhaften Autoren empfohlen worden - der bekannteste von ihnen war wohl Neil Gaiman.

Zu Beginn gibt es in England keine Magie mehr und die einzigen Leute die sich Zauberer nennen, sind theoretische Zauberer... die nicht zaubern. Eigentlich glaubt auch keiner mehr an dieses Handwerk; selbst der größte aller Zauberer - ein Herr mit Haar wie Distelwolle- ist zu einer Legende geworden. In diesem Roman geht um die zwei einzigen praktizierenden Zauberer Englands, nämlich die schon im Titel vorkommenden beiden Herren - den eher etwas spießigen, eigenbrötlerischen Norrell, der eine enorme Bibliothek um sich herum angehäuft hat und den jüngeren und eher... impulsiv handelnden Strange, dem es nicht an Talent dafür aber an Wissen mangelt.  Letzterer wird Norrells  Lehrling und nach einer Weile sein Rivale. Natürlich eskaliert die Sache... und die beiden Helden könnten direkt vergessen, dass es eine viel größere Bedrohung gibt...

Es gibt Unmengen an schrulligen, liebevoll ausgearbeiten Charakteren und wunderschönen Schilderungen von Stimmung, Orten und viele, viele geschliffene Dialoge, eine Unzahl mehr oder weniger kleiner Nebenhandlungen und nicht zuletzt eine Vision eines England wie es vielleicht hätte sein sollen und doch nie war. Jedenfalls vermutlich nicht. Wer weiß das schon?

Das Buch ist über 1000 Seiten lang und dafür ist die Handlung eher dünn. Bis alle Personen eingeführt sind, habe ich bestimmt 200 Seiten lesen müssen und erst einige Zeit später beginnt die Sache wirklich Fahrt aufzunehmen.  Zu diesem Zeitpunkt sind vermutlich alle Leser abgesprungen, die sich nicht für Clarkes wunderschönen Stil und ihre Freude am Beschreiben ihres eigenen England und dessen alternative Geschichte begeistern können, die sie sehr geschickt um die Biographien damals real existierender Persönlichkeiten und der passenden politischen Ränke herumschnörkeln lässt. Diese Geschichte ist eine, in der man wohnen kann, in der man herumspaziert und Schönes findet. Eine Geschichte, die eigentlich gar nicht aufhören will und es am Ende auf gewisse Weise auch nicht richtig tut (oder etwa doch?). Es ist kein Krimi, es ist kein atemloser Thriller, es ist kein Buch mit einem perfekt konstruierten, mit den Kenntnissen aus zahlreichen Creative Writing Seminaren ausgefeilten Plot.

Aber für Leute, die einfach ein tolles, langsames Buch für das Sofa suchen... die sind hier richtig. Ich habe das Werk ein paarmal weggelegt, aber dann, beim dritten Anlauf hat es mich gepackt und ich konnte kaum noch aufhören zu lesen.

Ich möchte diesen großen, schweren Backstein von einem Buch also durchaus empfehlen.

Thesen zu Lärm

  1. Ich bin ziemlich sicher, dass die schrecklichen Geschichten über die hohe Lautstärke von Familien mit Kindern nicht in den Kindern begründet liegen, sondern in brüllenden Eltern.
  2. Grade habe ich die Gelegenheit, die Babysprache einiger Erwachsener im Wirkungskreis eines Kleinstkindes zu vernehmen. Ich sehe sie nicht; man scheint sich im Garten des Nachbarshauses zu verstecken. Akustisch bekomme ich allerdings deutlich mehr mit als ich mir je wünschen könnte. Ich bin sicher: Wenn man diese Lautäußerungen mit einem Kassettenrekorder aufnimmt und sie den Urhebern zu gegebener Zeit - sagen wir in zwei Wochen - vorspielt, zerfallen diese augenblicklich zu Staub. Vor Scham.

Level Up!

Seit einer Weile habe ich eine Nebenaufgabe aufgetragen bekommen: Ich bin dafür zuständig, dass die Drucker bei mir auf der Arbeit immer fleissig weiterdrucken und niemand einfach so Pausen begründen kann. Zweifellos eine verantwortungsvolle Rolle. Ich war also der Druckerbeauftragte und fühlte mich mächtig und prachtvoll.

Meine Herrschaft über Toner und Drucker würde streng, aber gerecht sein.

Doch dann stellte ich fest: Ich hatte gar nicht die notwendigen Rechte bekommen, um auch die verbrauchten Seiten pflichtgemäß in die Dokumentation zu tippen. Ich bekam sie vom Chefoberbossherrscher.

Seitdem hat sich mein Titel in Druckerbeauftragte geändert. Offenbar bedeutet das genau dasselbe, nur mit richtiger, echter Macht.

Ich habe offensichtlich ein neues Level erreicht. Außerdem bin ich die neue Kollegin.

Was sie uns wirklich sagen wollen, Dritte Ausgabe

Manche Leute mit teuren Telefonen sagen so etwas wie:

Du hast ein iPhone? Na klar, lauf nur der Herde nach und huldige deren Gott, Apple-Chef Steve Jobs! Ich bin erstens ein Individuum und zweitens lass ich nicht einfach meine persönlichen Daten von Apple stehlen. Darum habe ich ein Google-Handy.

In Wirklichkeit denken sie:

Hoffentlich erinnert sich keiner daran, dass ich vor einem Jahr einen mächtigen Aufstand gemacht habe, weil Googles Streetview-Auto mein Haus von der Straße aus geknipst hat. Zum Glück habe ich es löschen lassen. Nicht dass Google irgendetwas mit meinen persönlichen Daten anstellt…

Der Media Markt sagt uns aufgrund der schlechten Zahlen des letzten Quartals:

Wir werden jetzt wieder billig, so wie früher.

Was sie eigentlich sagen wollen:

Na gut, wir behaupten ja nun schon seit mindestens zehn Jahren die Billigsten sein. Aber jetzt werden wir wirklich billig - es blutet uns das Herz, das auf Kosten unserer Belegschaft zu tun. Aber bald sind wir billig! Richtig billig. Niemand schlägt die Nummer eins, verstanden? Billig.

Die Tabakindustrie wird dazu gezwungen, folgendes auf ihre Packungen zu drucken:

IMG_20110805_195610.jpgRauchen macht sehr schnell abhängig: Fangen sie gar nicht erst an!

Aber das wird wohl kaum die geplante (?) abschreckende Wirkung nach sich ziehen, denn in Wirklichkeit bedeutet diese Aufschrift:

... wenn sie allerdings bereits die eine oder andere Zigarette in ihrem Leben verlötet haben, dann greifen sie ruhig zu! Schließlich ist es für sie doch sowieso schon viel zu spät, oder? P.S.: Qualmen sie eine für mich mit. Mit besten Grüßen, ihr freundlicher Werbetexter von nebenan.

Na gut. Vielleicht ist es auch nicht so schlimm. Aber man könnte es direkt glauben.

Kleine Kriegsverletzungen unter Freunden

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Am Tag nach dem wilden Konzert duschen und sich dann im Spiegel die Spuren des Vorabends anschauen. Ein grün-blauer Fleck mitten auf dem Brustbein, von einem rückwärts geschwungenen Ellenbogen. Zwei Kratzer, wohl von den Krallen eines weiblichen Gastes. Mein Unterkiefer schmerzt etwas beim Kauen. Meine Nase hat etwas abbekommen, aber das merke ich kaum. Dafür die rechte Schläfe, von einem Stiefel eines über mich hinweg auf Händen getragenen Gastes getroffen. Dazu Muskelkater, oh Muskelkater in den Schultern, im Nacken. Der ganze Rücken knackt und knirscht hörbar in meinen inneren Mikrofonen, wenn ich mich räkele.

Ich muss daran denken, wie ich mich für ein paar Minuten wie ein Ritter gefühlt habe, weil einer deutlich zu leichten blonden Lady immer wieder auf die Beine geholfen habe, weil sie im dichtesten Getümmel wie eine Feder im Wind zur Seite geschleudert wurde und trotzdem immer wieder nach vorn stürmte. Kurz drückt sie meine Hand und streichelt meine Schulter. Dann ist der Moment vorbei. Ich sehe nur noch die hellen Haare zwischen all den Zweimeterfuffzigkerlen.

Der Sänger, Jello Biafra selbst, zieht Grimassen und hält zwischen den Liedern wohlinformierte politische Reden. Wie seine alte Band - die Dead Kennedys - 1982 im Osnabrück angeblich einen Aufruhr angezettelt haben soll, aber in Wirklichkeit Polizisten Anstifter der Krawalle waren. über die Kriegsveteranen, für die sich keiner interessiere, egal in welchem Land. Das er nichts gegen Religion habe, aber gegen die Leute mit Scheuklappen. über die Korruption. über Rassismus. über den internationalen Finanzmarkt.  Die Leute sind still und hören zu, wohl auch in der stillen übereinkunft vereint Luft holen zu müssen. Dann geht es weiter.

Vor der Zugabe taucht die Blonde auf und grinst mich an. Sie fragt mich wie ich heiße, sie sagt wie sie heißt. Dann entschuldigt sie sich, auf mich gefallen zu sein und fragt ob ich mir weh getan habe. Nein, sage ich und frage sie, ob sie keine Angst habe.

Nö, meint sie. Man muss manchmal eben auch wild sein. Ihr passiere schon nichts. "Wir sollten mal wieder zusammen pogen, wenn wir uns irgendwann wieder sehen." Sie grinst wieder, ich grinse und sie verschwindet ins Getümmel. Die Band ist wieder da. Ein oder zweimal sehe ich noch ihr Haar fliegen, dann ist sie weg.

Ich brülle den Text mit, als sie Das Lied spielen. Alle brüllen den Text mit als sie Das Lied spielen.

Das große Wettkochduellturnier. Heute: Falscher Hase

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Klarer Gewichtsvorteil beim Bielefelder.

Manchmal sind Schnapsideen die besten von allen, auch wenn es eine Aufforderung zum Duell ist. Ein Duell im Hackbraten-braten. Aber nicht nur irgendein Hackbraten, nein: Es ging um diese vergessene Krone der Hausmannskost, ihr ahnt es schon halb, oder? - Er  ist Gegenstand des kulinarischen Kräftemessens - der legendäre Falsche Hase.

In der Bielefelder Ecke: Der Schwergewichtschampion mit einem Kampfgewicht von 750g purem Hack. Er beeindruckt neben seiner knusprigen Schinkenspeckhülle mit mediterranen Akzepten wie einer feinen Sardellennote, Kapern und einem betören Hauch Knoblauch. Zum Ring begleitet wird er von im Bratensaft gegarten Zwiebelecken, Cocktailtomaten, gebratenen Knoblauchzehen und ein paar Artischockenherzen. Der Champ brauchte satte 90 Minuten inklusive einer Stunde im Backofen, um sich warm zu machen.

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Madame X führt einen bunten Herausforderer ins Feld. Die traut sich was.

Und hier der Herausforderer, ausgebildet von Madame X, der ungeschlagenen Meisterin am Gasherd! Nur ein halbes Pfund bringt er auf die Wage, aber dafür ist er schon in einer guten halben Stunde bereit gewesen - eine enorm kurze Vorbereitungszeit für einen falschen Hasen: Dieser Sonderfall hat sich in einer Bratpfanne auf die Fight vorbereitet und sieht mächtig konzentriert aus  - gegen seine Tomatensoße und den überraschend weichen Eierkern sieht der Schwergewichtler ganz schön blass aus. Da ist eine Raffinesse  im Spiel, die er nicht gewohnt ist…

Ja, der Champ  ist beeindruckt, er wankt, aber ... nein - da nicken sich die Preisrichter einander zu und erklären das Duell zu einem Unentschieden. Es wird fortgesetzt werden müssen. An einem anderen Tag, im selben Ring! Seien sie auch beim nächsten Mal dabei.

P.S.: Bin ich satt

Meine SuB der Abenteuer

Der Begriff des Stapels ungelesener Bücher - kurz SuB - ist mir erst vor kurzem untergekommen und da ich mental gerade nicht zu allzuviel Anderem in der Lage bin, werde ich hier mal meine SuB veröffentlich und eventuell kommentieren, wenn ich es angebracht finde. Ich werde nur Bücher aufnehmen, die ich höchstens für ein paar Seiten angelesen habe, denn die nicht vollendeten Bücher habe ich ja bereits vor einigen Wochen beschrieben.

Es geht los:

  • Tim und Struppi und das Geheimnis der Literatur von Tom McCarthy. Ein Geschenk meiner Mutter, die dazu etwas entschuldigend meinte, dass das Buch sehr hübsch wäre, aber vermutlich falsch. So ganz stimmt das nicht - wer Tim und Struppi mag, wird hier viel Spaß haben - und ich mag die Sachen von Hergé gern. Eine fast schon pathologisch penible Analyse der Comics. Macht Spaß, wenn man dazu bereit ist.
  • The Borrible Trilogy von Michael de Larrabeiti. Eine schwer angepunkte, heftige und liebenswürdige, klassische aber eher Unbekannte Ausgeburt etwas anderer Fantasy über die Borribles in den Straßen von London, deren Ohren spitz werden, sobald sie sich für diesen Lifestyle entscheiden. Fürchte die Special Borrible Group. Und wer einem Borrible die Ohren rund schnippelt, verurteilt den Armen zum erwachsen werden. Freue mich wirklich aufs Lesen.
  • The Collected Jorkens von Lord Dunsany (Volumes One & Two). Clubgeschichten mit viel Whisky und schamlosen Lügen Tatsachenberichten von einem Mr. Jorkens. Spare ich mir für den Winter.
  • Smetters erzählt Mordgeschichten, auch von Dunsany.
  • Der Schatten der Scheuermagd von Dunsany. Die Scheuermagd vermisst ihren Schatten, was so natürlich nicht hingenommen werden kann.
  • Think! von Edward de Bono ... über das Denken - eigentlich eine Anleitung dazu. Bestimmt praktisch.
  • Kafka am Strand von Haruki Murakami. Bisher wurde mir von Murakami nur vorgelesen - einmal vor vielem Jahren und noch einmal im letzten Jahr. Ich mag Murakami sehr gern. Aber nun... sollte ich ihn auch selbst lesen. Das ist noch eines von diesen Büchern, die im Regal liegen und jedesmal wenn ich sie sehe... streichele ich zärtlich mit Blicken über den Buchrücken. Darauf freue ich mich.
Es sind gar nicht viele Sachen, oder? Verglichen mit anderen Leuten, die ihre ausufernde SuB veröffentlichen - vermutlich um sich selbst ein wenig zu strafen und um sich vielleicht vor Doppelbeschenkungen zu schützen.  Nun werde ich langsam neugierig auf eure Stapel...

Tag der offenen Tür

Ein Tag der Offenen Tür ist selten wahnsinnig aufregend - für die Mitarbeiter des offenstehenden Betriebs noch dazu ausgesprochen langweilig, stressig … und überstundenhaltig, da so ein Spezialtag gern am Freitag angesetzt wird. Aber was macht man nicht alles für des Wohl der eigenen Arbeitsstelle, richtig? Genau. Ich kann ja nicht einmal behaupten, dass sich besonders viele Leute unser Angebot angeschaut hätten. Das ist jetzt recht diplomatisch ausgedrückt, im Anbetracht der… nicht großen Besucherzahlen. Irgendwann ist dann Feierabend und … die Automatiktür - so eine wie im Kaufhaus, mit Bewegungsmelder - klemmt und steht sperrangelweit offen.

Der Haupteingang geht nicht mehr zu. Der Kundendienst kommt nicht nach vier Uhr. Der Notdienst... "Wir haben Freitag und Feierabend, das ist ihnen wohl klar." Mir ist das nur all zu klar. Ich will auch nach Hause.

"Das kann so eine bis zwei Stunden dauern. Würfeln sie schon aus, wer bleiben muss? Hähä."

Hähä.

Tag der offenen Tür.

Na gut, liebes Universum. Der war ganz gut.

Gorillas auf Schienen

Als ich vor etwas zwei Monaten wieder begonnen hatte mit der Bahn zu fahren, da waren einige Jahre seit meiner Zeit als bahnfahrendem Studenten vorbei. Offensichtlich hatte sich wenig geändert - die Züge sahen immer noch genau so schmuddelig aus, die Leute mit den billigen Ohrhörern beschallten immer noch freundlich ihre Sitznachbarn und pünktlich war die Bahn immer noch nur dann, wenn es überhaupt nicht daran ankam. Andererseits - eine Sache fiel mit doch gleich auf und das war die mit den merkwürdigen Mutanten. Diese an Menschen erinnernde Lebensform, sicherlich humanoid zwar, aber doch unbedingt anders: Sie hatten die alten Ticketkontrolleure ersetzt, die man später einmal "Servicekräfte" nannte. Heute steht "Bahn Security" auf ihren Uniformen, bei den privaten Regionalbahnen sind es ebenso private Sicherheitsdienste.

Die sind groß.

Und unfreundlich.

Und zahlreich. Früher einmal konnte man ein paar Jahre fahren, ohne jemals auch nur an solche Nichtigkeiten wie ein Ticket zu denken - heute werde ich sicher jeden Tag einmal kontrolliert - auf einer Strecke die je nach Zug zwischen acht und vierzehn Minuten Fahrtzeit benötigt. Sobald ich mich hingesetzt habe, muss ich auch schon wieder aufstehen, um mein unverschämt teures Monatsticket aus dem Portemonnaie zu pfriemeln - ich gewöhne mich sicher nie richtig daran, dass Ding gleich parat zu haben. Ein Ticket für den Nahverkehr, das mach auch braucht - sensationelle Neuigkeit, das kannte ich bisher nicht.

Daran muss ich mich gewöhnen. Auch daran, dass ich mich ganz wenig eingeschüchtert fühle, wenn es um die Kontrollen geht. Denn die Gorillamutanten fragen nicht.

Sie stellen sich einfach in den Gang und warten, bis die Fahrgäste Angst bekommen und reflexartig ihr Geld zücken - ganz sicher, weil sie ihr Barvermögen gegen Gesundheit oder gar Leben eintauschen wollen.

Und dann - Uff! - die Erleichterung: Es ist nur ein Kontrollgorilla. Der tut nix. Der kann lediglich nicht sprechen oder freundlich fragen.

Möglicherweise lieb knurren, so mit einem bittenden Unterton?

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