Ich arbeite, also denke ich

Ein Monat im neuen Job und ich fühle mich schlauer als vorher. Nicht unbedingt weil ich so viel neues gelernt habe - und das habe ich - sondern weil ich wirklich das Gefühl habe, besser denken zu können. Wenn ich mal nicht längere Zeit konzentriert an einem Projekt arbeite und dabei neue Sachen lerne... dann werde ich langsam dämlich. Vielleicht ist das eine frühe Form von Verkalkung: Ich war faul und glücklich und fühlte mich lieb gehabt - so versumpfte ich geistig immer mehr. Eigentlich habe ich ziemlich wenig verstanden, was mir erzählt wurde.

Aber ich war eben auch glücklich. Heute fühle ich mich eher effektiv und "gut in meinem Job".

So eine Kombination aus "Sich glücklich und geliebt fühlen" und "trotzdem geistig auf der Höhe zu sein" - das wäre doch mal was, oder?

Zauberei

Ich mag ein kurzes Stück in Jonathan Strange & Mr. Norell besonders gern. Drei Sätze nur und ganz aus dem Zusammenhang gerissen.

Er gab ihr sein Herz.  Sie nahm es und steckte es still in die Tasche ihres Kleids. Niemand sah, was sie tat.

Vielleicht geht es mir deswegen so nahe, weil ich etwas ähnliches getan habe. Ohne zu zögern und ohne es je zu bereuen. Ich habe schon viel weiter gelesen, aber ein paarmal schon blätterte ich zurück auf Seite 477 und jedes mal wird mir ganz schwer.

Geistergeschichten

Ich bin der Meinung, dass die allerbesten Geschichten über Gespenster im Bett erzählt werden. Als Kind nach einem Tag voller Entbehrungen im Schullandheim vielleicht in einem Etagenbett und dann, wenn man ganz entschieden kein Kind mehr ist... nach dem Sex. Es ist wohl so, dass Leute bei totaler Erschöpfung Sachen erzählen, die sie sonst niemals über die Lippen brächten. Geschichten, die sie vielleicht selbst nur in diesem einen Moment wirklich glauben und sonst - in ruhigen, sachlichen Lebenslagen - ganz locker wegrationalisieren und irgendwann als unerwünscht in eine kleine, staubige Kommode tief in der Rumpelkammer des Gedächtnisse verschickt werden. Solange, bis der kühle Geist wieder die Gewalt über die Phantasie oder ... vielleicht, die Wahrheit verliert.

Eine ging so und ich glaube, das muss mindestens 15 Jahre sein: Wir lagen im Bett und es war in etwas so heiß und schwül wie an diesem Sommertag; so heiß, dass die Kleidung auf der Haut klebt und die Haut eines anderen Menschen  - wie der deiner Affaire - erst recht. Es ist eine Zeit des Einfach-nur-da-liegens. Du redest ein paar Worte. Sie redet ein paar Worte. Ansonsten ist man vollends damit beschäftigt, ausreichend Sauerstoff aus der schweren Luft zu filtern und sehr, sehr zufrieden mit sich und der Welt zu sein.

Plötzlich legte sie mir die Hand auf dem Mund und flüsterte in mein Ohr. Ob ich die Schritte hören könnte, auf der Holztreppe. Ich höre angestrengt hin, aber beim besten Willen hörte ich nichts anderes als mein eigenes dröhnendes Herzklopfen über dem Straßenverkehr in einer fürchterlichen Vorstadt von Gießen." Ogott", dachte ich. "Etwa ihre Mutter, die jetzt ganz sicher beim Einkaufen sein sollte?"

"Manchmal", flüsterte sie weiter und drückte meine Hand ganz fest, "da kommen die Schritte immer wieder. Genau wie jetzt, wenn ich genau weiß, dass niemand im Haus ist außer mir. Manchmal nächtelang. Meine Eltern hätten mir sowieso nicht geglaubt. Dann habe ich mich erkundigt, bei den Nachbarn. Ob sie etwas über das Haus wüssten. Klar, das Ding ist verrufen. Da hat mal ein Schlachter gewohnt, der einen umgebracht hat. So etwas in der Richtung. Seitdem hat es keiner lange hier ausgehalten, die Mieter sind immer wieder schnell weggezogen. Bauliche Mängel und so."

Ich fragte sie, wie lange das mit den Schritten denn schon ginge. "Etwa ein Jahr schon und ich habe mich daran gewöhnt. Das sind inzwischen gute Bekannte geworden. Manchmal bleiben sie auch ein paar Monate lang weg und sind dann für eine Weile jeden Tag da. "

Wir lagen noch eine Weile wortlos da.

"Weißt du, was mich daran wirklich gruselt: Die Schritte kommen niemals oben an. Sie nehmen ein paar Stufen.. dann scheinen sie hektischer zu werden und plötzlich, kurz vor dem Absatz hier oben -  da ist es wieder ganz still. Sie kommen nie an."

Bin ich bibliophil?

In der Unfugfabrik wurde gestern ein neues Stöckchen produziert, welches ich natürlich ausgesprochen gern testfahre. Vor allem weil es um Bücher geht:

Ich wollte eigentlich schon immer ein eigenes Stöckchen entwickeln und jetzt habe ich mich mal dran gesetzt und eines entworfen. Und zwar zur Frage “ Bist du bibliophil?”. Es gibt 35 Aussagen, bei denen ihr das zutreffende einfach ankreuzen müsst. Die Auflösung, ob ihr bibliophil seid, seht ihr dann weiter unten. Ich würde mich selbstverständlich freuen, wenn ihr mit ein kurzes Feedback zu meinem Stöckchen geben könntet, ob es euch gefällt oder nicht. Und natürlich freue ich mich auch darüber, wenn ihr alle zahlreich daran teilnehmt. Eure Beiträge könnt ihr natürlich via Kommentarfunktion posten.

Nun, ich werde die Antworten auf klassische Stöckchenweise hierhin kritzeln und ein Feedback gibt es auch. Ich komme also zu den besagten 35 Ankreuzfragen…

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Keine Menschen.

Manchmal, so wie an diesem  Abend, da will ich keine Menschen um mich herum haben. Nicht, dass ich keine Menschen mag. Ich mag sie. Ich mag sie nur gerade weiter weg von mir. Die Menschen schaue ich mir gern an, wie sie auf der Straße entlanglaufen und sich amüsieren. Im Fernsehen auch, da geht das - auch manchmal ein wenig im Internet, wenn sie mir nicht zu sehr auf die Pelle rücken und komische Fragen stellen. Das ist nämlich kein Abend für dumme Fragen, müsst ihr wissen. Es könnte sogar sein, dass ich beiße. Aber nur ein wenig. Es ist wie ein höfliches, aber nachdrückliches Knabbern der Missbilligung.

Ich trinke ein Glas Wein spreche keinen Toast aus, schließlich hört ja sowieso niemand zu. Aber ich denke an die Menschen die ich gerade gern bei mir hätte, egal wie ich mich auch fühle und wie sehr ich die anderen nicht so gut haben kann. Nach aktueller Zählung gehört dieser Gruppe nur eine einzige Person an, wenn ich mal so ehrlich sein darf.

Ich trinke einen für  dich mit.

Und dann... schau ich mal, was man mit so einem Abend anfangen kann. An meinem großen Fenster sitzen und zusehen, wie der Mond seinen Rundgang macht. Etwas in der Richtung.

Der Feind in deinem Büro

Ich habe schon in vielen Büros gearbeitet und nicht immer bin ich mit allen Kollegen gut ausgekommen. Genauer gesagt kann ich mich an einige wirklich unangenehme Charaktere erinnern, die scheinbar den ganzen Tag vollends damit ausgelastet waren, ihren Mitmenschen das Leben zur verkomplizieren. Aber selbst wenn man ganz allein im Büro zu sein scheint, es gibt immer eine boshafte Präsenz. Sie geht nichts ans Telefon. Sie macht keine Pause. Sie belegt nie das WC. Niemals plündert sie den Kühlschrank oder drückt sich vor dem Einzahlen in die Kaffeekasse.

Man könnte glauben, wir hätten es bei dieser Präsenz mit einem wertvollen Mitarbeiter zu tun. Sie lauert nur darauf, bis ihre Chance kommt. Sie hat ihren eigenen festen Arbeitsplatz und tut so, als wäre sie nützlich. Das tut dieser stille Feind nur solange, bis wir uns in Sicherheit wiegen… währenddessen werden wir schon mit einem giftigen Gas geschwächt.

Aber dann ist der Moment da und unser  Feind zeigt sein wahres Gesicht.

Wir reden natürlich vom Kopierer, aber das haben meine geneigten Leser und Leserinnen sicher schon lange vermutet. Ihr hattet Recht, Hurra! Aber es wird euch nichts nützen, denn es ist viel zu spät. Wir haben keine Chance gegen die unsäglichen Gemeinheiten, die der mechanische Schurke gegen uns ins Feld führt.

Ich brauche nur den "Automatischen Einzelblatteinzug" zu nennen, der in Wirklichkeit nur einen Zweck hat: Unersetzliche Originale zu zerfetzen. Beim Hersteller nennt man diesen Teil aus genau diesem Grund auch "Schredder", was ich passender finde. Papierstaus kommen grundsätzlich nur dann vor, wenn man es wirklich eilig hat und diese Kopien unbedingt jetzt braucht.  Dann aber staut es richtig. Es ist erstaunlich, wo es überall Papierstaus geben kann und wie kompliziert es sein kann, diese zu beheben. Nicht einfacher wird es durch die absichtlich verwirrende Anleitung zur Behebung dieser "Fehlfunktion" (ha!) - genau wie geplant.

Denkt mal darüber nach, wie groß ein Fotokopierer ist und trotzdem nicht mehr kann als eine dieser Kopierer-Scanner-Fax-Drucker Kombinationen, die man für etwas 100€ kaufen kann - eher viel weniger. Er ist nicht etwa nur ein großer, stinkender Haufen veralteter Technologie, der  einmal in Schwung gebracht auch einen robusten Sachbearbeiter flach wie ein Mauspad walzen kann. Nein, es ist ein Zentner aus 100% purer, Ozon verströmender Bosheit. Ich habe keine Ahnung, was noch an tückischen Fallen in seinem scheußlich aufgeblähten Körper lauern.

Er sieht eigentlich harmlos aus, viereckig und beige. Aber er ist dein Untergang. Erst vernichtet er deine Arbeitszeit,  danach zerstört er deine Kleidung durch Toner (vermutlich auch giftig), dann zerstört er deinen Ruf und zuletzt will er dein Leben, daran kann jetzt kein Zweifel mehr bestehen.

Sagt später nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Drei Wochen im neuen Job… und ich lebe immer noch.

Das hätte ich eigentlich nicht erwartet: Ich fuchse mich viel schneller in eine radikal andere Arbeit ein als ich mir je träumen ließ.  Zwar bin ich immer noch Sozialarbeiter und habe immer noch mit benachteiligten Menschen zu tun, aber das waren auch die einzigen Gemeinsamkeiten. Allerdings, wenn man es genauer betrachtet... ein übergänge sind schon fließend: Früher hatte ich in erster Linie mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die Förderschulen besuchen - heute habe ich mit Leuten zu tun, die aus Förderschulen (und so weiter...) kommen und beim Eintritt ins zauberhafte, funkelnde Regenbogen-Arbeitsleben begleitet werden.

Ach ja, ich muss sie auch unterrichten.

Ohne die Chance, meine Tagespläne fast jedes Mal mit einem unterrichtsgestählten Profi gegenzuchecken, wäre ich tausend Tode gestorben. Einfach nur um zu hören "ob das ok ist". Heute mache ich das auf eigene Faust und sterbe meistens ... tausend Tode - da ich aber immer wieder  aufs Neue den Tag überlebe, gewinne ich allmählich mehr Sicherheit. Was ich so alles kann... erstaunlich.

Vielleicht sollte ich erwähnen, dass all meine Teilnehmer in der einen oder anderen Form lernbehindert sind ... so wahnsinnig viel Stoff kann ich mit denen gar nicht durchnehmen und das was ich schaffe, geschieht sehr langsam. Das kommt meiner eigenen Lernkurve gerade ganz gelegen. In ein paar Wochen fange ich an, sie in Praktika zu vermitteln - dort werde ich sie dann weiter begleiten, besuchen und für ein paar Tage im Monat auch noch beschulen.

Das also geht leichter als erwartet. Weniger lässig ist der Papierkram, der ganz klassisch auf Papier in zig dicken Leitzordnern in streng festgelegter Art und Weise vonstatten geht - die muss ich alle anlegen und bestücken. Nebenbei läuft alles natürlich auch noch parallel am PC. Und ich dachte, Berichtswesen wäre meine Stärke...

Aber das schaffe ich auch noch, liebe Leute.

Wenn man…

... mal so richtig jemand anderen lieb hat, dann kommt man kaum noch zu den vielen Sachen, die man vorher wahnsinnig interessant, spannend und wichtig fand. Die sind dann gar nicht mehr so wichtig, spannend und interessant. Nur so manchmal, dann denkt man sich ... so etwas in der Richtung von "Ach, das Ding da hinten, die Playstation - damit hast du früher viel mehr gemacht. Früher hast du auch mal viele dicke Bücher gelesen und du hast Spiele gehabt, für die die monatlich Gebühren bezahlt hast. Mehr ins Kino, mehr Konzerte. War schön."

Ich jedenfalls war so. Hab die ganzen verpassten Sachen und Tätigkeiten ein wenig bedauert und mir vorgenommen, all das mal wieder zu probieren. Nun, ich habe die Gelegenheit und nichts davon macht mir mehr Freude.

Ich habe nichts verpasst. Mir fehlte nichts, mir fehlt heute auch nichts. Nur dieser eine unersetzliche Mensch, der mich zu einer anderen, besseren Person gemacht hat. Aber leider kann ich den ganzen Schrott nicht einfach eintauschen und alles wieder gut machen.

Nichts tun können und nicht aufgeben können zu hoffen.

Fortbildungsbedarf.

Ich war mal mit meinen Eltern am Meer, an der Ostsee wenn ich mich richtig erinnere. Da hatten wir ein Haus, in dem kratzte und huschte es hinter den Möbeln. Es war eine Ferienwohnung, nur für ein paar Wochen und eigentlich störte es mich nicht sonderlich, kleine pelzige Mitbewohner zu haben: Ich tat ihnen nichts und sie taten mir nichts. Meine Eltern sahen das vielleicht anders, aber das war mir erst recht egal.

Nachts huschte und kratzte es nicht nur, es wurde auch gepiepst. Lang und kurz, laut und leise. Ich stellte mir vor, was sie sich wohl erzählen, aber ich glaube gerecht wurde ich ihnen nicht. Ich hätte eben rechtzeitig das Mausealphabet auswendig lernen müssen. Ob darin "drei kurz drei lang" auch SOS bedeutet, wenn beispielsweise die Katze kommt und die Pfoten in das Mauseloch schieben will?

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