Die Andere Seite der Theke

Ich habe die Angewohnheit, abends und nachts recht viel unterwegs zu sein, und nur recht selten meine Standartziele zu wechseln. Natürlich ist es da bei einigermaßen erträglichem Betragen normal, wenn man ein paar der Bedienungen kennenlernt, und sich mit einigen sogar anfreundet.

Jedenfalls war das bei mir so.

Man lernt so einiges beim Zuschauen. Und man macht sich so seine Gedanken.
Der erste Gedanke ist:

"Meine Güte, ich kann nicht sagen daß xyz nur so freundlich tut. Die ist nett zu jedem. Das könnte ich nie im Leben, das würde ich auch nie im Leben wollen."', ' Was müssen das für großartige Menschen sein, die nicht nur zu Zeiten ins Bett gehen (naja, gut, wie ich) , zu denen andere aufstehen, und dann auch noch arbeiten, für gar nicht mal so viel Geld ? Entweder sie sind sehr nett, in großer Not, mit einem eisbärdicken Fell versehen, oder eine besondere Art Superheld, die es noch nicht in die bekannten bunten Hefte geschafft hat. Ihr besonderer Heldenmut zeigt sich - wie immer- wenn niemand hinschaut.
Gegen 3 bis 4 Uhr.
Das ist die Zeit, in der unweigerlich genau eine bestimmte Sorte Person an die Bar tritt. "Och, Du langweilst dich sicher, so allein. Da setz ich mich mal hin..."

Meistens Älter, auf jeden Fall jedoch entweder ohne oder mit defizitärer Beziehung zum anderen Geschlecht, optional dafür häufig eine inniges Zuneigung zum Alkohol und/oder der Person hinter der Theke, die mangels eines Fluchtweges, dieser Person mehr oder weniger hilflos ausgeliefert ist.
Die eigentlich immer männliche entfernt humanoide Lebensform auf der zahlenden Seite der Theke hängt meistens halb über der letzteren.. und klagt der zu ihrem Leidwesen leider ansonsten völlig unterbeschäftigten Schankkraft ihr Leid bzw. legt ihre besondere Zuneigung dar. Diese Leute, in unserer Gegend gern im Schützengewandung anzutreffen, riechen bestimmt nicht sonderlich angenehm, es sei den man hat eine besondere Vorliebe für Bierfahne, herb-säuerlichen Schweiß, vor dem sogar das berüchtigt-penetrante, aber unvermeidliche "Old Spice" kapituliert. Sie trinken eine Menge, aber gehen nie fort, um sich der überschüssigen Flüssigkeit zu entledigen (ein weiterer Beweis für die "Nur mit viel Gnade Humanoid"-Theorie. Wer hat schon anstelle eines Hirns eine Aushilfsblase im Kopf?).

Wer seine freundliche Bedienung (immer noch) nicht einmal ein wenig bewundert, sollte sich einmal folgende Sachen durch den Kopf gehen lassen:


  • "Wer mich als Gast die ganze Zeit erträgt, muß ein wenig engelhaft sein, und ist in jedem Fall unterbezahlt."

  • dann:"Es wird langsam spät. Ich sollte vom Thresen runterrutschen (ich
    rieche sicher interessant, nur bestimmt nicht nach Veilchen. Zahlen und
    heimgehen. Immerhin quatsche ich der Bedienung schon seit einer Stunde ins Ohr
    (ihr linkes). Noch lächelt sie."


Vielen Dank an Anne für die Inspiration (und viele, viele mit Grazie servierte Flaschen Becks.)

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