Lücken

Meine Lieblingsperson ist für einige Wochen weit in der Ferne, uns trennen Kontinente und fehlende Internetanbindung. Ich hatte erwartet, das sie mir fehlt und sie fehlt - aber ich dachte auch, dass ich nun ein paar neue Sachen machen könnte, weil ich ja nun doch mehr Zeit übrig habe.

Aber anstatt dessen sitze ich da nur herum und denke an sie. Das andere Zeug macht gar nicht so viel Spass. Zu kochen ist viel besser, wenn man damit bei ihr angeben kann. Zum Beispiel.

Andererseits könnte ich nun vielleicht wieder mehr schreiben, denn zum Schreiben braucht man Lücken - auf dem Papier ebenso wie im Herz und im Leben. Irgendwohin müssen die Geschichten ja auch, die brauchen Platz.

Aber vorher muss ich wohl wirklich mal die Küche aufräumen.

Subkultur

Ich muss schon sagen: Da verwundern mich doch ein paar Entwicklungen hier in Bielefeld, vielleicht sind die auch gar nicht auf Bielefeld beschränkt. Also ich kann mich noch gut an die ganzen lauten Läden erinnern, die von früher - die gibt es immer noch, aber manchmal ist nur noch der Name derselbe. Die Lokalität hat sich geändert oder eben die Einstellung und das Gefühl.

So in den 90ern, da war die Subkultur1 noch eine Art allgemeiner Kampfplatz. Da war zum einen die Antifa und da drübendie Faschos und im Raum dazwischen war Krieg. Das schweisste zusammen, auch wenn man die Methoden der Antifa vielleicht nicht hundertprozentig toll und dufte fand.

Nach außen hin war sowieso alles gegen die Clubs und Jugendzentren, vor allem die Nachbarn und die Politik, die solche lautstarken bunten Flecke meistens lieber gestern als heute dichtmachen wollten. Von wegen "drückt die Mietkosten" und "das stört einfach" und "die nehmen nur Drogen". Fördermittel gab es da natürlich schon lange nicht mehr, aber irgendwie ging es weiter wie immer: Man verlor ein Haus, man demonstrierte, man fand ein anderes.

Trotzdem waren die Konzerte fast immer unglaublich, jeder konnte sich entspannen, aussehen wie man wollte und sagen was man dachte. Sowas wie ein ausgelagertes Wohnzimmer. Draußen die Bösen, drinnen die Guten. Natürlich waren wir alle Gute. So fühlte man sich dann auch. Das entspannte enorm - zu wissen wer man eigentlich ist, wer man sein will.

Heute weiß ich nicht so genau, was ich von dieser ganze Szene halten soll. Diese Ganze Mutlosigkeit, ungefähr seitdem es keine großen Prügeleien mit dem Faschofeind mehr gibt. Da wird definiert, für wen man seine Veranstaltungen macht - für "überdurchschnittlich gebildete junge Menschen". Früher war das für alle, die wollten. Ist das eine Identitätskrise, wenn man plötzlich ganz große Angst davor hat, dass jemand in den eigenen Reihen etwas Falsches sagt, etwas Falsches anhat oder vielleicht sogar sein Hemd auszieht? So kann man nämlich in vielen alternativen Läden Hausverbot/szeneweite Ächtung erfahren. Wenn so etwas passiert - und es passiert oft - dann kann ich kaum glauben, was ich da erlebe. Ich fühle mich auch nicht mehr wohl, wenn ich solche Clubs besuche, die seit neuestem "Schutzräume" sein sollen. Ich fühle mich überwacht. Mit Freiheit hat das nichts mehr zu tun. Mit freiem Denken schon gar nicht. Ich habe nicht mehr das Gefühl, bei den Guten zu sein. Ich habe das Gefühl, bei den Verängstigten und Verbitterten und Wichtigtuern zu Gast zu sein. Früher waren das mal unschlagbare Barbarische Krieger. Ninjas. Piraten! Für das Richtige!

Und dann diese Sache hier in Bielefeld, in der man neue Räume für das Kulturkombinat per Demo sucht - oder habe ich das falsch mitbekommen? Man demonstriert so lange, bis einem neue Veranstaltungsräume … geschenkt werden - oder sowas in der Richtung. Zugegeben: Ich habe das vielleicht nicht richtig verstanden. Früher jedenfalls - damals, als ich jung war, so knapp nach dem Pleiozän - da hätte man sich was gesucht und man hätte etwas gefunden und …natürlich… trotzdem demonstriert. Siehe oben. Wenn Subkultur - was immer das für ein Tier sein mag - von irgendwo oben etwas geschenkt bekommt, dann ist es keine Subkultur mehr. Wenn man aufhört, sein Ding selber zu machen, dann ist es vorbei. Wenn man nur noch seine nostalgischen Erinnerungen konserviert, ist man dann nicht irgendwann … konservativ? Huch!

Dabei gibt es gerade hier so viele grandiose neue Projekte, die lieber Kultur machen als zu jammern. Für Selbstmitleid und son Scheiss haben die gar keine Zeit. "Kulturschaffen" hat ja auch was mit "machen" zu tun.

Ich geh auch weiter auf Konzerte und kauf euer komisches Bier, wenn es immer noch solche Sachen gibt, die mir gefallen. Ich hab nur das Gefühl, da könnte mehr gehen.

  1. Das klingt zwar super, aber ich weiß auch nicht ganz was dieses Wort bedeuten soll. []

Ausgeschlossen.

Da wollte ich nur schnell mal zur Post und schon in dem Moment des krachenden Tür-hinter-mir-zufallens ist mir bewusst,  dass mir soeben ein Fehler unterlaufen ist:

Meine Wohnungsschlüssel sind in Sicherheit, nämlich in meiner Wohnung selbst aufgehängt. Direkt hinter der Tür die ich eben so entschlossen wie gedankenlos hinter mir ins Schloss gezogen habe.

Ich versuche meinen Schlüsselmeister zu erreichen - jenen würdigen Vertreter einer heiligen Gesellschaft, die den Nachschlüssel zu meinem Sanktum bewachen. Aber der ist nicht da, auch sein Handy scheint abgeschaltet oder gar abgeschafft.  Das werde ich bei seinem Meister erwähnen müssen. Der Gedanken daran schmerzt - nicht einmal mehr auf die Schlüsselritter kann man sich heute noch verlassen. Ich bin betrübt.

Auf die Post kann man sich auch nicht verlassen, stelle ich fest und knurre diese Information einer Katze zu, die das Pech hat in der Gegend herumzulungern. Ihr Blick trieft vor Verachtung.

Bevor ich mich auf den Rückweg mache, durchstöbere ich die Bahnhofsbuchhandlung. Ich finde zwei ungefähr zwei Meter große Leute, die sicher gute Chancen im Modelbusiness gehabt hätten. Wenn nicht diese schrecklick krumme Körperhaltung sie irgendwann dazu zwingen würde, in anderen Branchen Schaden anzurichten. Ich sah diese finstere Zukunftsvision kommen und beobachtete beide rein zufällig bei der Literaturauswahl.

-"Das soll voll gut sein."
-"Sieht aber komisch aus. So mit dem Bild da drauf."

Ich darf und kann nicht weiter zuhören. Aber nach einer Weile identifiziere ich das Buch: Generation Doof. Unter dem Titel steht: "Warum sind wir nur so doof?" (Oder so.)

"Ihr vielleicht", denke ich. "Ich jedenfalls nicht."

Dann wandere ich heim zu meiner Treppe um dort zu warten und per Handy was für mein Blog zu tippen.

An der Haltestelle

Ich stehe in der 30er Zone und nichts bewegt sich. Keine Ahnung, was die Fahrzeugführer vor mir sich gerade zusammengurken - ich komme sowieso zu spät und ich kann genau so gut nach links schauen. Irgendwann geht es sicher weiter.

Da ist die Bushaltestelle und davor stehen zwei Leute.

Der eine ist klein und rund und sieht aus wie ein italienischer Bäcker, ist aber vermutlich kein Bäcker und schon gar nicht italienisch - schließlich sind wir in Brackwede. Er sieht freundlich und ein wenig ratlos aus, sein dunkles Haar geht ihm auf diese ganz besondere Weise aus, die vorn an der Stirn eine kreisrunde Haarinsel stehen lässt. Die andere Person ist unglaublich groß und unglaublich schlank und sie funkelt ob ihrer Jacke und ihres Gürtels, beide sind mit Straßsteinen im überfluss versehen worden. Sie steht auf unglaublichen Stiefeln mit unglaublich hohen Stilettoabsätzen, was auf dem Kopfsteinfplaster nicht unbedingt das ideale Schuhwerk ist. Sie wackelt vor dem vermeinlichen und natürlich bebrillten Bäcker hin und her, sie gestikuliert weit mit den Armen ausholend und lacht immer wieder. Ich höre sie trotz meiner heruntergekurbelten Scheiben.

Er sieht ratlos aus und schaut sie hilflos an, während sie sich bückt und lacht und dicht an ihm vorbeischaut. Offensichtlich ist er ganz verwirrt.

Er merkt gar nicht, dass sie ihn die ganze Zeit versucht zu küssen. Was für sie nicht ganz einfach ist, wenn sie dabei nicht umfallen will.

Ich muss lächeln. Aber zum Glück bemerken sie das nicht.

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Das Team hat gewonnen, die Nachspielzeit ist vorbei und ich höre schon seit Minuten, wie sie draußen hupen und tröten und singen. Es wird lauter und lauter und meine Freude verwandelt sich eine leise vor sich hin köchelnde miese Laune.

Also setze ich mich vor den Computer und überlege, was ich schreiben soll, aber dafür bin ich zu stinkig und weiß nicht einmal warum. Die Blökerei vor meinem Wohnzimmerfenster macht es jedenfalls nicht besser.

Der Hund nebenan beginnt jämmerlich zu weinen und läßt sich gar nicht mehr beruhigen. Ich empfinde eine jähe Seelenverwandtschaft mit ihm und muss gleich noch einmal das Bild mit einer Frau und ihrem Hut anschauen, das ich immer noch im Browser geöffnet habe.

Dann kommt das Gewitter doch noch und wäscht den die Hitze, den Lärm und die Flaggen von den Straßen. Mein neuer Bruder im Geiste winselt ganz laut, dann höre ich ihn nicht mehr. Alles ist nur noch Donner und Wolkenbruch und Rauschen und kühl.

Ich bleibe an diesem Abend trotzdem lieber und lass mich von meinem überforderten Kreislauf ins Sofa drücken.

Das gibt sicher einen Abdruck. Eine Kreislaufkuhle.

Heimwegsommer

Es ist nach Mitternacht und ich bin unterwegs, nach Hause.

Ein haariges Blatt streift durch mein Gesicht und läßt die Haut eine Kreuzung lang kribbeln, bis es langsam vergeht und vergessen wird. Es ist warm, fast schwül, ich fühle den rauhen Stoff meines Hemdes auf der Haut, spüre wie es sich bei jedem Schritt bewegt.

Wie warm die Nacht ist, wie sie dich umfängt und nichts mehr so hart und grell aussieht wie am gnadenlosen Tag.

Ein Bulli startet neben mir und fährt nach einigem Lenkradkurbeln davon, der kleine Bildschirm des Navigationsgeräts spiegelt sich im Heckfenster wider.

Das Motorengeräusch stört die Stille nur eine kurze Weile, dann ist das leise Rauschen wieder da, es verstummt niemals in dieser Stadt.

Für den Moment bin ich ganz da und denke an die Stadt und den Sommer und an ein Herz und an ein Lachen neben mir.

Ich trinke die Farben der Nacht.

Hitzschwitz

Also, eigentlich wollte ich ja in den letzten Tagen schon so einiges schreiben. Das liegt an der Hitze, die meine Kreativität anfeuert. Da war mindestens eine großartige Geschichte dabei, garantiert - ganz zu schweigen von einer Unmasse synapsenkitzelnder Bloggereien. Außerdem Romane, eine ganze Handvoll davon. Ihr hättet mal meine Version eines Sittendramas im viktorianischen England mit Außenbordmotoren erleben sollen.

Beklagenswert ist indes wie sehr das Wetter alle Versuche zur Umsetzung meiner Geistesblitze verhindert, solange ich mich dann überhaupt länger als eine halbe Minute an sie erinnern kann. Nun kommt mir nicht mit meinem kleinen schwarzen Notizbuch - allein um es aufzuschlagen bräuchte ich eine Menge Energie, die ich leider nicht erübrigen kann, weil sonst meine Atmung aussetzen könnte - oder das Gehirn, irgendetwas Wichtiges. Richtig gut kann ich an Schweinereien angenehmster Art denken, die aber in der Praxis viiiel zu schweißtreibend wären1.

Dabei wohne ich im Erdgeschoss eines mit großzügiger Mauerdicke gesegneten Altbaus und erfreue mich an Höchsttemperaturen von erträglichen 22°C. Trotzdem. Irgendetwie bewirkt die Hitze so etwas wie geistige Schnappatmung. Daraus entwickelt sich eine hässliche, schweißbegleitete Denkapnoe.

Schnrrrrrch. Chrrrrr... pfüüüüh.

  1. Wirklich? Hm. []

Computerinfektion

Vor einem Tag schrieb mir eine Bekannte über die Nachrichtenübermittlungssoftware meines Vertrauens etwas, das recht nah an den folgenden Absatz herankam. Nämlich so:

Du h4st ech4 ein4n komische4 Job, w4nn 44 immer so 4sp4t nach Haus4 kommst un4 dann immer so4 müd4 bist. Auße4rdem magst du4 Fisch, das is4 seltsam.

Größte Vorsicht wurde angeraten: Ich äußerte den Verdacht, ihr Computer sei von einem Vierus befallen. Es könnte vielleicht auch ein 4us sein.

Entschuldigung, ich konnte nicht anders.

Vorsicht, bissig.

Es gibt manchmal so Tag, an denen ich gleich nach dem Aufwachen zur Einstimmung den Wecker durchbeissen könnte. Die Dusche hat nicht die richtige Temperatur und ich bin natürlich wieder zu lange liegengeblieben, was mich wütend macht. Ich weiß nur nicht recht, worauf.

Es macht mich wütend, dass ich niemand aufgewischt hat, der nicht ich bin. Es macht mich wütend, dass ich aufstehen muss, wenn mich nicht gerade die Tatsache wütend macht, dass ich so träge bin. Außerdem ärgert mich dass ich arbeiten muss und natürlich die wichtigen Termine mal wieder abgesagt wurden, wie ich nach dem Ankurbeln des Diensttelefons feststellen muss. Da muss ich wieder nachhaken. Schon wieder - das macht mich knurrig.

Ich bin sauer, weil ich Bauchweh habe und noch mehr, weil ich durch die Ärgerei noch mehr Bauchweh bekomme - ich bin ganz berechtig ausgesprochen entrüstet über diese Wut, die ich mir nicht erklären kann. Niemand war gemein zu mir. Aber trotzdem… ich bin fast sauer, weil niemand gemein zu mir war und ich bin böse auf mich, weil ich wütend bin, ohne das jemand gemein zu mir war.

Also warte ich mal auf den Reis, der nicht schnell genug fertig wird und - das ahne ich schon - wieder nicht die richtige Konsistenz haben wird. Aber ich werde jedes einzelne Korn gnadenlos zermalmen und dann wieder ganz sommerfrisch meine ersten Hausbesuche machen.

P.S.: Der Reis ist ziemlich gut geworden, muss ich zugeben. Eigentlich perfekt, vielleicht das erste Mal. Reis ist meine Schicksalsbeilage. Wie steh ich denn jetzt mit meinem Blogbeitrag da? Mal wieder total unglaubwürdig. Also echt, ich könnte… grrrrr!

Sowas.

Nebenan wohnt jemand, der den ganze Abend lang Pianoforte übt, vermutlich ein Kind und vermutlich bei offenem Fenster. Das lenkt vom Fussball im Fernsehen ab, aber ich bin ja auch kein Fussballfernsehexperte, dafür schaue ich in einem sehr feinen Morgenmantel, der übrigens auch am Abend ausgesprochen kleidsam ist.

Das Klimpern der Tasten vermischt sich mit den Vuvuzelas und für eine kleine Weile passe ich nicht mehr auf, ich denke an jemanden und dann vergesse ich auch das motivierte Summen aus dem Fernseher.

Frankreich ist raus und ich mache mir ein Bier auf.

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