Allein sein

Eigentlich wollte ich etwas über die Fragerei nach meiner nicht vorhandenen Partnerin schreiben, aber derlei Dumme Fragen sind gerade von einer geschätzten Freundin bereits erschöpfend abgehandelt worden.

Also schreibe über ein ähnliches, aber durchaus verwandtes Thema, nämlich das Leben allein.

So langsam sollte ich mich wohl daran gewöhnen, wenn ich mich schon nicht damit abfinden will, dauerhaft allein zu leben. Ich komme ja in dieses Alter und ich könnte euch berichten, dass es früher ja irgendwie um einiges einfacher gewesen ist, jemanden zu finden - das wäre allerdings eine glatte Lüge: Es war für mich immer schwierig. Zugegeben: Die meisten Menschen in meinem Umfeld kümmern sich eher um die Vorbereitungen für eine Hochzeit oder haben genug mit den Kindern zu tun, um Zeit für Gedanken über für eine neue Beziehung zu machen. Diese Leute - und mit "Leuten" meine ich Frauen, natürlich - haben sich allerdings auch früher eher weniger für mich interessiert.

Die entsetzliche "Warum bist du eigentlich allein, hm?"-Frage bekam ich allerdings damals noch viel öfter. Ich weiß nicht genau, ob mich diese Entwicklung freuen sollte. Ich habe eine Menge Angebote bekommen, dass man "mich ja mal verkuppeln" sollte und diejenige Person selbst dieses in Angriff nehmen wolle; passiert ist niemals etwas in der Hinsicht. Nicht, dass ich etwas gegen ein aufregendes Blind Date einzuwenden hätte. Ich nehme an, nach längerer Bekanntschaft haben die Verkupplungs-Anbieterinnen und -Anbieter sehr genau gewusst, warum ich allein bin und verzichteten still und leise auf die versprochenen Vorstellungsrunden.

Ich komme allein ganz gut klar. Ich leide nicht jeden Tag darunter, dass mein Marktwert wohl nicht der beste ist: Ich bin weder reich noch besonders dünn oder dick, groß oder modisch up-to-date. Bonus: Eine Menge grauer Haare; ich ziehe es allerdings vor, diese Farbe "mithril" zu nennen. Manchmal bin ich auch ganz schön distanziert oder knurrig. Außerdem: Ich bin wirklich verdammt noch einmal unsäglich peinlich schüchtern, wenn ich nur etwas verknallt bin- und das bin ich nicht so selten, wie ihr vielleicht glaubt. Worauf ich nun so gar keine Lust habe: Wirklich jeder Frau hinterher zu rennen - nein, das wird nicht passieren. Ich fühle mich oft ganz schön einsam, aber… so verzweifelt bin ich nicht. Mein Selbstwertgefühl ist ganz sicher nicht von einer Paarbeziehung abhängig.

Partnerbörsen. Ich habe es wiederholt versucht, geneigte Leserinnen und Leser. Sagen wir einfach, dass ich nach meiner Abmeldung deutlich zufriedener bin.

Wie gesagt: Ich komme ganz gut klar. Ich möchte deswegen nicht die ganze Welt umarmen, aber ich könnte auch deutlich unglücklicher sein. Ich kenne Leute in Beziehungen, mit denen ich niemals tauschen wollte. Ich kenne Leute auf der Suche, mit denen ich niemals tauschen würde.

Ich würde gern jemanden haben, aber ich muss wohl auch die Möglichkeit akzeptieren, dass ich diese Person vielleicht nicht finden werde. Kein schöner Gedanke, aber möglich. Ich gebe nicht auf und vielleicht… ergibt sich etwas. Irgendwann - ich hoffe es sehr.

Solange komme ich schon klar. Ich habe nicht vor, mich zu verkriechen.

Ich bin nicht unglücklicher als andere Leute. Nur bin ich das eben öfters für mich allein.

Sonntag und Leben.

Ampel

Wem die wohl gehörten?

Gestern Abend war - wie man auf dem Bild deutlich sehen kann - offenbar einiges los an meiner Kreuzung. Nichts davon bekam ich mit. Aber ich würde doch gern wiesen wie diese Schuhe dorthinauf kamen. So sind meine Sonntage: Stunden stiller Kontemplation.

Die Klasse von ’94

Vor einigen Tagen bekam ich eine Email an eine meiner kaum noch benutzten Adressen; man hatte sie auf Xing gefunden. Es war Post von einem meiner ehemaligen Stufensprecher und man wollte »die Leute wieder zusammenbringen«. Die Leute, die mit mit zusammen Abitur gemacht haben. Sauviele Jahre später.

»Nein«, dachte ich - »eigentlich haben wir eher zur selben Zeit am selben Ort Abitur gemacht, mit mir jedenfalls wollte kaum jemand von denen auf der Liste etwas zusammen machen, am wenigsten Schulkram.«

Die Schulzeit war eine der mieseren Episoden in meinem Leben und je weniger ich an sie zurückdenke, desto zufriedener bin ich.

Ich will nicht über mein Leben mit Menschen reden, die sich vor 20 Jahren schon nicht für mich interessierten. Ich habe keine Lust mich zu erklären, warum ich weder Kinder noch Exfrauen habe, warum ich studiert habe und Bänkern und Doktoren verständlich machen, warum ich dennoch einen eher (für einen Akademiker) schlecht bezahlen Job ausübe. Aber ja, sie haben ja »sehr viel Respekt« und »bewundern solche Menschen«, denn »sie könnten das ja nicht«. Nein, könnten sie nicht. Haben sie ja auch nicht gelernt. Ich kann auch kein C++ coden - ich habe das auch nicht gelernt.

Ich kenne die Fragen. Ich kenne das Mitleid und das nicht-verstehen und… ach, ich will die alle nicht sehen. Ich will ihnen nicht einmal erzählen, dass mein Leben nach ihnen so viel besser wurde. Sie würden nichts davon glauben.

Drei oder vier Leute aber würde ich gern sehen. Drei oder vier Leute, die ich unglaublich lange nicht sah.

Ich habe die Mail weder gelöscht noch beantwortet und ich weiß nicht was ich tun soll.

Kurze Tage

Ich habe Stapel von Büchern, die ich wirklich gern lesen würde, ich könnte die nächsten Wochen lang alle die Filme und Serien auf Watchever ansehen, die ich immer schon einmal in aller Ruhe genießen wollte. Ich koche viel zu selten selbst. Lasst mich bitte gar nicht erst mit den Spielen anfangen, ja? Bei mir ist es nämlich wirklich nicht der Mangel an gutem Stoff, der meine PS4 ein wenig einstauben lässt.

Ich selbst bin natürlich der Grund.

Ich komme kaum dazu, all meine Freunde zu sehen und dabei bin inzwischen gut darin, pünktlich Feierabend zu machen und dennoch meine Arbeit ganz ordentlich zu schaffen. Irgend etwas stimmt nicht.

Habt ihr… so geschätzte 35 Stunden zur Verfügung? Nicht in der Woche, sondern an jedem einzelnen Tag. Was ihr alles tut und anschaut und kocht und schreibt! Das würde ich nicht schaffen. Noch dazu führen einige von euch Beziehungen. Meine Lieben, ihr seid erstaunlich und eure Superkräfte hätte ich gern.

Ich würde dann erst einmal ausschlafen.

Archivsichtung, Teil 1: Axe

Axe Dry.

Die gewaltigen Staatlich Gorgmorgischen Archive bergen so manche Eigentümlichkeit, deren Geheimnisse ohne schriftliche Würdigung dem Untergang anheim fallen könnten. Darum werden hier in unregelmäßigen Abständen einzelne Objekte gewürdigt und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht.

Bei diesem Exponat handelt es sich um eine Dose Sprüh-Deodorant der Art "Axe dry". Niemals benutzt, erworben etwa 2009 (Schenkung).

Ich habe damals in einer Stadt in Westfalen Familien unterstützt. Wie sich herausstellte, war das Endprodukt "gut riechen" in seiner Gewichtung in diesem Haushalt bei weitem über solchen wirklich lästigen Quälereien wie "sich regelmäßig waschen" oder "sonst auch auch einfach mal duschen, wenn man gern mal mächtig schwitzt, aber nie die Winterjacke auszieht" einsortiert.

Eines Tages bekam ich ein Weihnachtsgeschenk und habe nicht schlecht gestaunt, dass ich a) ein Geschenk bekam, das ich eh nicht annehmen durfte und b) es sich um ein Deo handelte. Ich wusste ja bereits, dass ein großer Teil der nicht gerade üppigen finanziellen Mittel für Pflegeprodukte aufgewendet wurde - aber dass man das kostbare Gut mit mir teilen wollte, darauf war ich nicht vorbereitet.

"Das braucht man ja immer, Herr B., oder?"

Ich versuchte, abzulehnen. Das wurde gar nicht erst in Betracht gezogen. Die Stimmung wurde etwas ungemütlich und ich nahm das Objekt dann doch entgegen - in meinem Kopf bereitete ich bereits vor, wie ich die "pädagogischen Gründe" dafür im Beruf formulieren würde. Sätze wie "Die werfen mich sonst hochkant raus" boten sich an.

Die Stimmung besserte sich schlagartig, als ich mich bedankte und das Axe-Objekt entgegennahm.

"Dann riechen sie auch endlich mal so nach was, nech? Ist schon komisch, wenn man so nach garnix riecht, Herr B. Da fühlt man sich gleich viel wohler, wenn sie mal son Deo haben. Gibts das bei gar nicht in der Familie?"

Ich wollte etwas wie "ich bin eigentlich ganz froh darüber, dass ich nicht stinke" sagen, aber dafür war ich zu sehr Vollprofi.

Seitdem habe ich diese Dose in meinem Hausrat. Sie ist mehrmals mit mir umgezogen und irgendwie habe ich mich an sie gewöhnt. Natürlich habe ich das Exponat niemals benutzt. Davor habe ich etwas Angst. Nach wie vor habe ich Angst.

Zahl.

Freitag hatte ich Geburtstag und tatsächlich wurde ich satte 40 Jahre alt, einfach so. An sich wird - so glaube ich - von mir erwartet, jetzt entweder eine Art Bestandsaufnahme über meine bisherigen Misse- und Wohltaten zurück zu schauen.

Ich gebe zu: Es war knapp.

Aber ich kann Entwarnung geben. Ich mache weder das noch informiere ich euch über neue Vorsätze. Ich stehe einfach morgens… oder mittags… auf und mache weiter. Nicht 'weiter so' oder 'ich werde alles ändern', sondern "alles ändert sich, auch ich mich selbst - wie immer". Sonst wäre es ja auch langweilig.

40 ist auch nur eine Zahl und darum ist dieses hier auch nur einer dieser Einträge ohne große Inhalte und funkelnde Pointe.

Aber ich möchte mich auch noch einmal bedanken. Bei meinen geneigten Leserinnen und Lesern natürlich. Bei den Leuten, die an mich dachten und denken und mir gratulierten oder sogar vorgestern mit mir feierten.

Ohne euch würde hier ein sehr trauriger Text stehen oder… vielleicht sogar gar keiner.

Fahrräder.

Zuerst hatte ich dieses Bild, dann las ich den Beitrag vom Dominic- heute scheint ein radhaltiger Tag zu sein, was mich nicht davon abhalten wird, auch ein paar Zeilen zu schreiben. Ich habe selbst ein Rad, leider ist es seit Jahren nicht bewegt worden und fristet sein verstaubtes Dasein im Keller meiner Eltern. Es ist nie mit nach Bielefeld gekommen, wofür es zwei gute Gründe gab: Ich hatte damals in jugendlichem Irrsinn einen Rennlenker haben wollen und auch einen montiert - heute würde ich mich nie im Leben noch so unbequem fortbewegen wollen und weil ich so bequem geworden bin, kam ich nie dazu, diese relativ simple Montage einfach selbst zu erledigen. Der zweite Grund ist: Ich gehe gern zu Fuß, sogar hin und wieder ohne Musik oder Podcast im Ohr und all das mit Vorliebe nachts. Ich habe das Gefühl, als Radfahrer in dieser Stadt noch ein wenig mehr Stress und Angst um mein Leben haben zu müssen als ich das auf Schusters Rappen ohnehin erlebe. Man könnte schrecklich stürzen und sich Löcher in die Hosen reißen!

Nun, wenigstens weiß ich, wo mein Rad geblieben ist und nun auf mich wartet. Falls ihr eurer Velo vermisst, könnte es vielleicht auf dem Grund eines Bad Oeynhauser Stauteiches gelegen haben. Hier war anscheinend ein Sammler am Werk.

Räder aus dem Teich

Milde Hagebuttenmischung.

Osternes Haseneier, Hühnereier, Schokoladeneier und Schokoladenhasen - das sind alles schöne Ostergaben, über die wir Kinder uns sehr freuen. Nichts aber sagt "Es ist Ostern!" so sehr wie ein Beutel "Milde Hagebuttenmischung."

Meine Nachbarn haben das alte Hagebuttenteebrauchtum nicht vergessen und ich glaube, heute Abend werde ich mir ganz besinnlich einen Tee aufgießen und den Ausklang der Feiertage fruchtig-spritzig zelebrieren.

Schön, solche Geschenke vor der Tür zu finden. Dummerweise habe ich nicht daran gedacht, etwas Ähnliches vorzubereiten.

Pünktlich.

Ich bin fast immer pünktlich. Wenn ich nicht pünktlich bin, dann melde ich mich rechtzeitig und in einer vorbildlichen Form.

Das ist zumindest der Plan - dummerweise haben meine Pläne die Angewohnheit, überhaupt nicht nach Plan zu verlaufen - eine Unverschämtheit, finde ich! Wenn ich eine dramatisch wichtige Verabredung habe - damit meine ich natürlich private Sachen wie zum Beispiel ein Date - dann schlafe in der Nacht davor kaum, bin dafür aber bis auf die Sekunde pünktlich und dann fallen mir nach der ersten halben Stunde die Augen zu.

Wenn ich - wie so oft - mit den besten aller Freundinnen und Freunde zu einer kleinen Erfrischung verabredet bin, dann passieren bisweilen Sachen, die mich daran hindern, meine legendäre Pünktlichkeit zu zeigen. Einige Beispiele dafür wären…

  1. Plötzliche Telefonate, die einfach nicht enden wollen.
  2. Dringende, unaufschiebbare Verpflichtungen, bestimmte Erledigungen in verschiedenen… Computerspielen unbedingt und umgehend noch zu einem erfreulichen Ende bringen zu müssen.
  3. Ich habe meine Hose nicht gefunden und aus purer Rücksicht hat sich so mein Aufbruch bis zum Einsatz eines Ersatzkleidungsstücks verzögert.
  4. Ich konnte mich nicht entscheiden, welche Farben ich kombinieren soll. Meine Typberatungshotline aber hat eine übervolle Warteschleife, der ich so schnell nicht entkommen kann.
  5. [Diese Information ist klassifiziert und wurde zu ihrem eigenen Schutz entfernt.]

Wenn ich also einmal nicht perfekt pünktlich bin, habe ich immer sehr gute Gründe. Ich wiederhole: Sehr gute Gründe. Fragt also besser nicht zu hartnäckig nach.

Seite 6 von 283« Erste...45678...203040...Letzte »