Nächte in Technicolor

Ich fahre vom Kino aus nach Hause und selbst die Strecke von Essen-Kray nach Oberhausen-Eisenheim sieht unglaublich bunt und freundlich aus. Ich kurbel die Scheiben herunter und … nein, die Ellenbogen bleiben drin, auf beiden Seiten. Ich schalte den fünften WDR ein, wo ich Jazz vermute und finde.

Normalerweise fahre ich nicht besonders gern Auto, aber jetzt gerade bleibt die Zeit aufs angenehmste stehen. Ich bin zwar allein, aber es ist okay, genau so wie es ist.

Dieses Wetter hat das Potential zu vielen Wirkungen, von totaler Niedergeschlagenheit und Erschöpfung bis hin zu völliger Entspannung und Gelöstheit.

Vielleicht sind das alles verschiedene Seiten derselben Medaille.

Ich jedenfalls drehe die Musik etwas lauter, nur ein kleines bisschen, damit es perfekt ist.

Geht doch!

Ich habe einen feinen Teller angenehmer Pasta verdrückt, das ist schon gut. Draußen kommt ein sanfter Schauer nieder, der das schwüle Klima im Maschinenraum gleich viel erträglicher macht; ich habe die Fenster offen, die Beine ausgestreckt, auf denen ich das Macbook balanciere und es weht mir komfortabel um die Zehen. So lässt sich leben.

Der Abwasch kann warten, oder?

Ich habe schon nicht mehr damit gerechnet, dass ich einige interessante Objekte doch noch anschauen kann und nun habe ich bereits einen Termin und werde mir morgen früh den nächsten abklären - ausgerechnet für meine beiden Wunschwohnungen1. Ich freue mich richtig, viel zu früh natürlich - aber das ist mir grade herzlich egal. Vielleicht verblogge ich meine haarsträubenden Abenteuer.

Ich hebe preisgünstiges aber kühles Altbier und proste euch zu.

  1. Natürlich nur auf dem Papier. Anschauen muss ich sie noch []

Woran man erkennt, dass der Frühling da ist

Ihr kennt vielleicht auch das Gefühl, dass überall um einen herum von Freunden oder vom Wetter behauptet wird, dass endlich Frühling geworden ist, man selbst aber beim besten Willen nichts davon merkt. Die anderen scheinen sich zu konspirativen Frühlingsversammlungen in Eiscafés zu treffen, ohne einem darüber Bescheid zu geben. Manche von denen haben sogar Frühlingsgefühle. Behaupten sie jedenfalls.

Bei mir war bis zum letzten Freitag immer noch gefühlter Februar.

Aber seit Freitag morgen ist es anders. Inzwischen bin ich mir sicher, dass der Frühling endlich da ist und nicht nur eine kollektive Wahnvorstellung leicht zu täuschender Massen. Auch wenn in mir ein Rumoren und Zischeln herrscht, das so schnell nicht verschwinden wird … die Welt ist ist heller.

Für meine Freunde, die vielleicht dem Befinden nach immer noch durch knietiefen Schneematsch schlurfen, ein paar Zeichen für den echten Frühling.

  1. Anrufe von Freunden die du lange nicht mehr gehört hast - die sorgen bei mir sofort für das Abschmelzen der Polkappen oder doch zumindest für Frühlingshafte Stimmung (TM). Völlig egal, ob ich Geburtstag hatte oder nicht, ich freue mich jedes Mal maßlos. Bitte nicht aufhören, auch wenn ich nun über diese Frühlingssache informiert bin.
  2. Sich auf dem Absatz drehen und lange rotieren, bis dir schwindelig wird und du lachen musst. Das muss dann wohl der Frühling sein. Kann ich dir versichern.
  3. Knallrosa Kleider mit schmalen, einschneidenden Gürteln die normalgewichtige 16jährige Mädchen beschämend wurstig aussehen lassen, treten nur bei spontanem Frühlingseintritt auf.
  4. Wenn du durch die Straßen gehst und alles viel klarer aussieht - als ob jemand, vielleicht Du selbst, die Fenster deiner Seele geputzt hat und der Grauschleier des Winters verschwunden ist. Wenn du merkst, dass es vielleicht, ganz vielleicht, doch nicht so schrecklich ist, zu leben.
  5. Wenn Du dich dabei ertappst, wie Du Bilder mailst, auf denen Du Freunden zuprostest oder Blumen zwischen den Zähnen trägst, dann ist bereits seit langsam Frühling in dir; ja - du bist von Frühling befallen und musst nur noch über die Diagnose aufgeklärt werden, was nach dem Doppelpunkt geschehen wird: Es ist Frühling, geneigter Leser.
  6. Es gibt Maibock zu kaufen. Ich trinke dieses Bier ungern allein, das geht nur in Gesellschaft. Fehlt noch Gesellschaft, aber immerhin … die Zeichen sind günstig, geneigte Leserinnen und Leser.
  7. Wohnungssuche macht Spass und du bist guter Hoffnung, etwas zu finden, dass Dir wirklich gefällt. Allein der Gedanke an einen Abschied vom miefigen alten Maschinenraum wäre fast schon Frühling. Wer mich hier noch besuchen will, dann möge ersie es schnell tun. Jawohl.
  8. Grundloses, spontanes Lächeln. Und das, obwohl gerade Portishead läuft.
  9. Sekundenlange überzeugung, dringend Sport machen zu wollen. Im Gegensatz zu winterlichen sekundenlangen überlegungen, plötzlich Sport machen zu müssen.
  10. Das Knirschen unter dem Tisch bedeutet, dass deine Katze oder dein Hund gerade den Fehler gemacht hat, den ersten Maikäfer zu verspeisen. Zuerst solltest du dafür sorgen, dass Hund Katze oder Komodowaran genug Wasser zum nachspülen haben - Maikäfer schmecken schrecklich hat meine Oma selig immer behauptet und ich glaubte ihr schon deshalb, um nicht die Erklärung zu hören, woher sie das wusste - und dann kannst du dich freuen, denn es ist plötzlich und unmissverständlich Frühling geworden.

Gibt es noch andere Anzeichen? Mit Sicherheit. Schreibt mir doch ein paar Kommentare.

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Na gut, na gut, dann schreibe ich es doch hierhin: Die Gerüchte sind wahr. Komischerweise fühle ich mich höchstens einen ganzen Tag älter als gestern. Gehöre wohl zu den jungen Alten und verleugne meinen Status als Fossil. Muss ich jetzt mit Nordic Walking anfangen?

Ich könnte offensives Unglücklichsein durch exzessivem Phil Collins-Konsum ersetzen und ungebremstes Blogschwafeln durch eine Schigong1 Gruppe der VHS. So würde ich endlich meine Mitte finden.

Alles möglich. Allerdings wird es keine verdammte Trennkostdiät oder Heilfasten geben und ich werde schon gar nicht jedes Jahr bequeme 50km pro Urlaub auf dem Jacobsweb "pilgern". Da bleibe ich lieber tapfer so wie ich bin und werde ganz diskret besser und schöner. Ist nichts Tolles oder Anstrengendes, aber ich habe mich so an mich gewöhnt. Nach all den Jahren.

P.S.: Ich glaube eine wichtige Sache beim Älterwerden ist, das man das "irgendwie wird alles schon gut ausgehen" Gefühl verliert. Manchmal wird es eben nicht wieder gut und man kann nichts tun. Dass man trotzdem immer noch weiterlebt, kriegte ich erst einige Jahre später mit.

  1. So spricht meine Mutter das aus []

Sport und Tod

Ich fange um kurz nach sieben an zu arbeiten, da bin ich noch zuhause. Aber ich habe ja mein Diensthandy und Zugriff auf die Arbeitsmail, das ist ja so einfach und so weiter. Als ich zum ersten Hausbesuch aufbreche, denke ich seit Stunden nur an Arbeit. Das ist schon in Ordnung, rede ich mir ein - zum Glück werde ich nun ein paar Stunden nicht mehr professionell über Tod reden, wie in den letzten Tagen und Stunden. Es geht mir ungesund nahe. Früher war ich in solchen Sachen doch so distanziert und gelassen, heute tue ich nur noch so, denke an die letzen Wochen meiner Oma und … und hoffe, dass es niemandem auffällt. Ich arbeite also überperfekt, reagiere bei Fehlern über und ackere insgesamt viel zu viel. Auf diese Weise ausgelastet bin ich dermaßen gestresst, dass ich einfach funktioniere und irgendwie gute Arbeit mache - wie eine Maschine, die man besser Tag und Nacht in Schwung hält, damit sie sich nicht im ersten Augenblick des Stillstands sofort in einen qualmenden Haufen Nichtraucherschrott verwandelt.

Ich will so viel schreiben - und ich bin mir sicher, das wäre endlich mal richtig gutes Teug - und Dinge tun und Leute sehen, aber ich schaffe es einfach nicht. Pure Erschöpfung ist es nicht allein, ich bin ja auch selber schuld, wenn ich niemanden mehr einlade oder wenn, dann in letzter Sekunde. Besuch bekomme ich hier eh keinen, damit habe ich mich abgefunden - warum auch, mein Leben findet nur am Wochenende statt und dann weit weg von meiner Wohnung. Wirklich sehen will ich nur Leute, die sowieso keine Zeit haben oder so etwas wie ein glückliches Leben führen. Den einen will ich mich nicht auch noch aufdrängen - mir geht es vermutlich noch besser als denen und das letzte was sie gerade brauchen, schreibt gerade diese Zeilen - den anderen gegenüber fühle mich mich merkwürdig fremd und wie ein Mängelexemplar Ich, das eh nur allen auf die Nerven geht.

Also, doch lieber mehr Arbeit.

Warum eigentlich kriege ich immer die fast pubertierenden Jungs mit diesem ekelhaften Bewegungsdrang ab? Das heutige Nachmittagsprogramm war Fussball, Basketball, Fussball, Jogging. Denis hatte es ja hoch und heilig versprochen (kräht die anspruchsvolle Brut) - damals als es noch menschenfreundliche Temperaturen gab. Der fein aufgeheizte Wagen dünstet mich zu einer streichzarten Paste, aber ich schleppe mich noch ins Büro, tippe meine Berichte und schaffe es zum ersten Mal in dieser Woche, pünktlich zu gehen. Ich habe keine düsteren Gedanken mehr, ich denke gar nichts mehr, während ich ein paar mal durch die grauenhafte Oberhausener Fussgängerzone tigere. Irgendwann beruhige ich mich genug, um heimzufahren, um mich in den Sessel zu kleben.

Ein rekordverdächtig hoher Strafzettel fürs 2 Minuten an einer unbelebten Stellen Falschparken in Höhe von lässigen 30€, verliehen durch eine der widerwärtigsten Parkkontrollpersonen meines Lebens konnte mich nicht mehr schocken. Den hatte ich fast vergessen.

Das Wochenthema Tod huscht wieder durch meinen Geist, ich bin aber zu müde, um länger an die zwei Geschichten vom Sterben zu denken, diejenigen, die ich zuletzt vor ein paar Stunden mühevoll in eine unzugängliche Region meiner Erinnerungen verschickt hatte. Sie bleiben dort. Das entspannt mich und gibt mir ein mildes Gefühl des Triumphes. Mail - ah, zwei Absagen. Ich freue mich trotzdem über die Nachrichten; so fühle ich mich nicht wie ein Kosmonaut, der nicht ganz zufällig auf einem fernen Himmelskörper vergessen wurde.

Zeit für eine Wanne und bessere Zeiten1. Ich glaube immer noch daran, dass das Glück hinter der nächsten Ecke nur auf mich wartet. Man muss nur weitermachen, nicht wahr? Da kann immer ein Brief kommen, eine SMS, eine Mail. Ich kann kaum glauben, dass ich daran immer noch glauben kann.

So, jetzt geht's mir schon besser.

(Verdammter Mist, das Bier ist alle!)

  1. Die kommen schon.Bitte keine Mitleidsbekundungen, dafür gibt es geeignetere und dankbarere Rezipienten. Danke! []

Jemand wird dir helfen.

Wenn ich dieser Tage nach Hause komme, ist mein erster Gedanke "ich will schlafen". Ich zwinke mich zu einem Mindestmaß an Hausarbeit, dann verbringe ich die Zeit bis zur Dämmerung in einer Art intellektuellem Notstrombetriebs. Bisher habe ich nicht feststellen können, dass ich unkontrolliert aus dem Mundwinkel sabbere. Besonders überrascht wäre ich aber nicht, wenn mir das morgen auffallen sollte.

Meine Arbeit kann manchmal so verdammt hart sein.

Zu viel von all dem. Trotzdem geht es weiter.

Es muss ja weiter gehen.

Aber du weisst auch ganz genau, dass es nicht lange auf diese Art und Weise laufen kann, du zehrst von deiner Substanz wie ein Bär im Winterschlaf - der aber im Unterschied genau weiss, wann der Winter vorbei ist. Das liegt nicht in seiner Hand. Das ist ein feiner Unterschied1 zu meinem Leben.

Nun, was hilft, wenn man durch die eine oder andere Phase einfach durch muss und partout nicht vorhat, Schaden zu nehmen? Sex ist toll und lenkt effektiv ab - was manchmal auch vollkommen ausreicht, aber es hilft nicht auf Dauer. Das dürft ihr mir ruhig glauben.

Was wirklich hilft, sogar noch besser als Alkohol, ist Jemand. Es ist gut, jemanden zu haben, der einen wirklich mag und hin und wieder für ein paar andere Gedanken sorgt, welche die so rein gar nichts mit Arbeit zu tun haben. Etwas Schönes, an das man sich erinnern kann, wenn das Diensthandy klingelt und man mit einem Blick auf das Display die nächste Hiobsbotschaft todsicher erahnen kann.

Ein Blog mit vielen Kommentaren ist schon ziemlich gut, Instantmessages, SMS und Email besser, ein Telefonanruf großartig, aber alle sind nicht so fantastisch wie ein Abend in der Kneipe, ein paar Stunden im Kino oder was auch immer mit Jemand Der Mit Einem Lacht. Das ist die volle Produktbezeichnung. Hoffentlich bald rezeptfrei frei Haus geliefert.Bestellen sie noch heute!

  1. Ein, zwei Wochen Winterschlaf könnte ich übrigens auch locker überstehen. Aber darum geht es ja hier nicht []

Ich hatte was im Schrank. Und was daraus wurde.

Heute morgen habe ich ganz nebenbei zwischen dem Vollbad und Frühstück in einem ICQ Gespräch gestanden, schon eine ganze Weile nicht mehr "richtig" etwas gekocht zu haben. Das hat mich den ganzen Arbeitstag lang geärgert und als ich dann endlich zuhause war, musste gekocht werden. Egal was. Hauptsache lecker. Ich hatte also folgendes im Schrank …

  1. Drei Putenbrustfilets
  2. Ein Tetrapack italienischer passierter Tomaten
  3. Ein paar Zwiebeln
  4. Knoblauch
  5. Frische schwarze Oliven und Olivenöl
  6. Ein wenig Speck
  7. Tomatenmark (gutes!)
  8. Haufenweise Gewürze und Kräuter
  9. Verschiedene Sorten Käse und Wurst

Brot, Nudeln, Reis und so weiter - das ist einfach da. Ich habe daraus etwas gekocht, das ich ziemlich lecker finde. Was hättet ihr daraus gemacht?

Ich verrate dann auch, was ich damit angestellt habe. Hat Spaß gemacht. Wie konnte ich zwei Wochen ohne richtig Kochen überleben? Das ist ein anderes Rätsel.

Das wurde daraus, bei mir:

Ich habe die Putenbrustfilets von Sehnenstücken befreit, gewaschen, gesalzt und gepfeffert in dünne Scheiben geschnitten. Die wurden dann in einer großen Pfanne scharf angebraten, damit der Saft sich nicht verabschiedet. Als ich das Fleisch von allen Seiten gut angebraten hatte, ging ich runter mit der Hitze. Dazu kamen dann ein paar feine Würfelchen Speck (bei Hühnerbrust würde ich mehr davon nehmen) für etwas mehr Geschmack, Zwiebeln und am Ende Knoblauch, der natürlich nicht schwarz werden durfte. Olivenöl dazu, und dazu dann die passierten Tomaten, Gewürze und Oliven.

Das habe ich dann in Ruhe weiterköcheln lassen, bis das ganze die gewünschte Konsistenz hatte. Sicher eine Viertelstunde oder länger. Dazu habe ich dann Nudeln gemacht, ein gutes Fladenbrot oder Ciabatta wäre sicher auch fantastisch.

Brauchtumspflege

So sprach Löwenzahn und ich antworte darauf:

Socken? Schachteln? Du redest von Bräuchen (?) von denen ich noch nie in meinem Leben gehört hab! Worum gehts denn da?

Ums Saufen, natürlich.

Ich habe immer vermutet, dass jeder irgendwann einmal auf Gebräuche wie "Klinken putzen" oder "Fegen" zu bestimmten Geburtstag getroffen ist, ich dachte sogar, die wären überall gleich. Scheinbar lag komplett falsch und werde nun meinen Beitrag zum Erhalt nicht vom Aussterben bedrohter Folkore tun.

Also. Ich helfe euch nun.

Der 25. ist wie jeder weiss, der Schachtelgeburtstag, jedenfalls für Frauen die noch nicht verheiratet sind - damit sind sie "alte Schachteln", so nennt sie jedenfalls der feinsinnige Humor der Ureinwohner. Ihre Freunde - ich lege das Wort hier sehr großzügig aus - haben in langer Heimarbeit leere Pappschachteln auf Bindfäden gezogen und so lange, lange Schachtelschlangen gebaut. Diese Schlange wird ums Haus gelegt und muss vom bedauernswerten Opfer abgeschritten werden.

Da jeder Schritt mit einem Schnaps bestraft wird und die Gäste gern mittrinken, werden die Schlangen gern etwas länger als nötig angelegt. Während der ganzen Prozedur trinkt man Bier, egal zu welcher Jahreszeit.

Männer bekommen einen Kranz aus gebrauchten Socken, weil sie nun "Alte Socken" sind.

Genau gleich ist allerdings, dass eine Menge Schnaps und Bier getrunken wird.

Wenn Mann 30 wird und frecherweise immer noch nicht verheiratet ist, dann muss er sich (optional, aber darauf wird ungern verzichtet) verkleiden und die Treppe vor dem Rathaus fegen, bis ihn eine Jungfrau frei küsst. Das kann dauern und ich bin sicher, dass ich nicht der einzigste bin, der lieber von Frauen geküsst wird, die sich bedeutend von Jungfrauen unterscheiden. Aber ich musste ja auch nicht fegen. Komme ich etwa von Thema ab? Verzeihung. Unverheiratete Frauen im selben Alter putzen analog dazu Klinken. Irgendwann werden sie dann … von einer männlichen Jungfrau frei geküsst und dürfen aufhören. Ebenso analog zur Variante für Y-Chromosomen bin ich sicher, dass auch hier kein erhöhter Wert auf genaueste Einhaltung der Jungfrauenbedingung gelegt wird …

Jedenfalls trinkt man dazu eine Menge Schnaps und Bier.

Ich will eure Erfahrungsberichte. Jetzt, bitte!

Der Fluch von Gorgmorg Castle

Vor gar nicht allzu langer Zeit wurde ich gefragt, warum ich an verschiedenen 25. Geburtstag nicht durch Sockenkränze, alte Schachteln und so weiter belästigt worden bin, auch an meinem 30. musste nichts von mir gefegt werden. Die Antwort für den 30 ist ganz einfach: Ich hatte Freunde, die mich tatsächlich mochten, die Antwort für den 25. ist etwas ungewöhnlicher: Ich war rechtzeitig verflucht worden. Es geschah ziemlich genau so:

Zu dieser Zeit hatte ich viel mit der ländlichen Gothic-Szene zu tun. Damals gab in der Nähe1, in der sich all das Volk traf, das sich auf Schützenfesten nicht recht wohl fühlte. Zu diesem Zeitpunkt war "Gothic sein" noch halbwegs so etwas wie eine Subkultur, kurz darauf würde es aufhören ein Statement oder eine Szene zu sein und nur noch Kleidung und Musik beschreiben. Was ich damit sagen will: Ich fand die Leute immer noch cooler als die Vollidioten aus dem Sportverein, weil sie nicht immer besoffen waren (dachte ich damals, ungefähr zwei Tage lang) und gelegentlich auch einmal über etwas redeten, irgendetwas. Ich trug sowieso aus purer Faulheit meistens schwarz; viele von ihnen hielten mich bereits für einen der ihren, ohne je mit mir gesprochen zu haben.

Ich war natürlich viel zu alt, um Teil einer Jugendbewegung zu werden und einige Konventionen wie Unisex-Kajalzwang und die damals unvermeidliche Patchouliwolke fand ich ganz schön albern, mit dieser Meinung hielt ich mich auch nicht sonderlich zurück, was scheinbar als fachkundige Meinung eines inzwischen zynischen und etwas merkwürdigen gewordenen Altgruftis eingeordnet wurde. Von dieser Sorte gab es einige, die oft so etwas wie einen Hofstaat hatten, mit allem was man so brauchte: Junge, männliche Nachahmer und und weibliche Fans, vorzugsweise ebenfalls jung und unbedingt attraktiv. Da war es egal, ob man sowohl den Charme als auch den Intellekt einer Nacktschnecke und den Karrierehöhepunkt beim Einräumen von Supermarktregalen erreicht hatte. Die meisten der Altgothen waren verbittert und ansonsten eklig. Bis auf den dicken Bernhard, der war nicht verbittert, sondern enthusiastisch und freundlich. Wenn er den Laden betrat, wusste man auch im Nebenzimmer oder auf dem Klo augenblicklich Bescheid, denn seine hohe Stimme, das erfreute Quieken seiner Fans und das Geklimper seiner Ringe und Ketten kündigten seinen Auftritt ausreichend an. Er gab damit an, dass er länger als seine Freundin - 3 Stunden - brauchte, um sich ausgehfertig zu machen. Egal wie sonderbar man war - wenn man "schon echt lange dabei war", wurde man automatisch Star der Szene. Ich war echt nicht lange dabei, aber den Sarkasmus hatte ich drauf. Es gab ja genug Themen für passende Bemerkungen, die begeistert aufgenommen wurden; die Szene lieferte sie selbst.

Ein weiterer Grund pro-goth war der hohe Frauenanteil und die hochinteressanten Sachen, die diese Frauen anhatten. Inbesonders eine von ihnen. Sie hieß nicht Selina, aber ihr Name reimte sich darauf, sie hatte langes schwarzes Haar; sie war blass, ohne ihre Haut pudern zu müssen2 und trug einen unglaublich realistisch blutroten Lippenstift. Außerdem hatte sie eine schier unfassbare Figur - sie roch sogar sexy. Ich hätte mich nie getraut, sie anzusprechen. Das war auch gar nicht notwendig, sie kam zu mir. Es hatte sich herumgesprochen - damals sprach sich alles sehr schnell herum - dass ich einen bestimmten Ruf als belastbare Kummerkastentante hatte.

Ihr Freund habe sie verlassen. Ich konnte es nicht glauben. Die, ohne Typ? Wer würde so dämlich sein, dieses zarte, liebenswerte Wesen zu verlieren? Wer könnte es übers Herz bringen, dieses Dekolleté zu verlassen? Sie sprach leise und piepsig, aber das war mir nicht wichtig - sie hätte mir beinahe alles erzählen können und genau das tat sie dann auch. Dabei musste ich ihre Hand halten und danach ihren dauerverspannten Nacken massieren, weil sich auch ganz richtig herumgesprochen hatte, dass ich damals eine Ausbildung aus Physiotherapeut begonnen hatte.

Sie fühlte sich auch sexy an, das kann ich euch sagen.

Und ich mochte sie gern, sie war nett - die unteren Regionen meines Körpers waren selbstverständlich ausgesprochen begeistert, wenn ich nur einen winzigen Gedanken an sie verschwendete. Als Beichtvater schläft man nicht mit ihr, oder? Das wäre … falsch. Das redete ich mir jedenfalls ein und schlief nicht mit ihr. Allmählich wunderte ich mich aber, woher sie immer neue Sorgen und Katastrophen hatte, die sie beichten musste; woher der verspannte Nacken kam, konnte ich mit allerdings sehr gut zusammenreimen.

Irgendwann gingen wir zusammen einkaufen. Für diesen Anlass versprach sie, keine neuen schlimmen Geschichten zu erzählen, sondern ganz normal zu sein. Wir schauten uns schwarze Klamotten an , ich redete zur Abwechslung die ganze Zeit und spielte ihr im Auto meine Lieblingsmusik vor, die sie still ertrug. Auf dem Rückweg dämmerte mir allmählich, dass ich Selina - ehrlich gesagt - ausgesprochen langweilig fand. Nett war sie, aber ihr Geist war für mich komplett unerotisch. Sie war etwas unbeholfen und naiv, ja, das war sie. Und nicht besonders intelligent dazu. Ich schaute rüber zu ihr und bekam gleich ein schlechtes Gewissen. Kurz darauf setzte ich sie zuhause ab.

Als ich das nächste Mal die gewohnte Finsterkaschemme aufsuchte, war großer Aufruhe. Prominenz war vor Ort, aus Bochum, also der großen weiten Welt. Ein Magier, der hier alle paar Monate seine Lehrlinge besuchte, sagte man mir. "Aha", dachte ich.

Ich lernte den Magier bald kennen, er war vielleicht ein oder zwei Jahre älter als ich, einer von Sorte, die gern unkomische Witze erzählen und immer gleich ein paar Drüberlacher mitbringen, die ihm auch Drinks ausgeben und Umstehenden atemlos vor Kichern auf die Schultern hauten. Er sah aus wie eine Vogelscheuche, die einen neuen Anstrich von H.R. Giger persönlich bekommen hatte, mit Airbrush und Hochglanzlack.

Er amüsierte sich köstlich über die Rückständigkeit des Landvolkes, keine Ahnung hätten die … von gar nichts. "Aber" - er deutete auf Selina - "nette Titten". Sie sagte gar nichts und verschwand. Ich brummelte etwas über sein Benehmen - das hätte ich nicht tun sollen - und ging hinterher. Ich fand sie aber nicht und beschloss, nach all dem Ärger ein Bier mit ein paar lang vernachlässigten Bauerskindern aus der Umgebung zu nehmen. Oder auch zwei. Oder drei.

An der Theke entwickelt man ja bekanntlich eine Art beschränkte Wahrnehmung, die sich auf die Nebenleute, die Bedienung und den Drink reduziert. Bierpfützen unter dem Ellenbogen sind zum Beispiel ganz sicher nicht Teil des Thekenkosmos und werden als unwichtig wegrationalisiert. So merkte ich auch erst sehr spät, das man offensichtlich über mich redete; ich drehte mich zur Seite und sah Selina, die auf mich zeigte; ich lächelte erfreut, sie nicht.

"Du hast also meinen Lehrling belästigt, ja? Das ist verboten.", verkündete der Magier.

Ich? Nun, ich machte große Augen und war sprachlos, was dann auch nicht so oft vorkommt.

"Ich habe niemanden belästigt. Sie hat sich über einen Typen ausgeheult, der alle paar Monate für ein paar Tage vorbeikommt, sie flachlegt und dann wieder abhaut. Das war alles."

Der Bochumer Magier konnte wirklich gut mit den Augen rollen und bewies es in diesem Moment aufs Anschaulichste. Dann erzählte er mir, was er alles konnte und dass ich die schwarzen Künste nie verstehen würde und dass es Meister und Schafe in der Welt gäbe - ich gehörte natürlich zur wolligen Sorte. Er redete undeutlich und begann etwas zu spucken, als er sich zunehmend ereiferte.

Meine Wut war schlagartig verschwunden. Ich biss mir auf die Lippen, aber ich wusste, ich konnte es niemals aufhalten, also gab ich es auf und lachte einfach los. Irgendetwas habe ich sicher noch gesagt, was über ihn und Frauen, aber daran kann ich mich beim besten Willen heute nicht mehr erinnern. An die Reaktion aber schon:

"Ich verfluuuche dich!"

Er machte ein paar dramatische Gesten. Ich lachte bis mir die Tränen kamen, lachte und lachte. Er muss weiter geredet haben, aber ich hörte nicht mehr zu.

Irgendwann kam ich wieder zu Atem. Ich fühlte mich frisch verflucht nicht anders und sagte es ihm. Darauf nahm er Selina am Arm und verließ erst den Raum und dann die Disko; ich habe nie wieder von ihm gehört. Ich ging einfach nach Hause und begann meinen ersten verfluchten Tag ohne besondere Vorkommnisse.

Das Wochenende kam und das Ziel war wie immer dasselbe. Die Schwarzen waren noch da, aber sie schauten weg, als ich auftauchte. Keiner sprach mit mir. Wenn ich mich setzte, standen sie auf. Es war schon gespenstisch und ich fand es gar nicht mehr lustig; der ganze Spuk lief ein gutes halbes Jahr, so hatte ich dort mit niemandem mehr zu tun, der meinen Geburtstag kannte und ich machte auch keine Anstalten, meinen 25. zu verraten. So entkam ich dem Socken und Schachtelbrauchtum gleichzeitig mit der Gothic-Szene.

Selina hat nie wieder ein Wort mit mir gewechselt. Einmal winkte sie mir aus der Ferne zu und verschwand dann wieder um eine Häuserecke.

Nur den dicken Bernhard sehe ich noch dann und wann. Er klimpert nicht mehr so wie früher, aber sonst ist er ganz der alte. Wir reden nicht miteinander, aber wir werfen uns hin und wieder ein paar wissende Blicke zu. Dann hebe ich meinen Drink und er seinen und wir prosten uns stumm zu. Auf verflucht alte Zeiten.

  1. Für ländliche Verhältnisse "in der Nähe" ist gemeint - für uns waren das gute 25km. Leute aus Ballungsräumen wundern sich oft über meine Definition von "kurze Autofahrten". []
  2. Tagsüber ging sie nicht raus, so konnte sie ihren Teint kultivieren []

The Horror of Mett

Zimbo!Was sich alles so im Kühlschränken findet, die man nicht selbst befüllt hat! Zum Beispiel diese halbwegs durchscheinende, bestimmt hochintelligente Lebensform im Portionsschälchen. Nur oberflächliche Beobachter würden diesen tapferen Soldaten von der Beteigeuze in einer möglicherweise fatalen Fehleinschätzung für Zwiebelmett halten, und nicht für das war er eigentlich ist - nämlich die Vorhut einer waffenstarrenden Invasionsstreitmacht.

Ganz ehrlich, würdet ihr etwas essen, auf dem ZIMBO steht, gefolgt von "Feinkost"? Genau, sonst auch niemand. Ich allerdings habe tatsächlich eine außerirdische Nacktschnecke aufs Brot geschmiert und meinen Teil für die Rettung des Planeten getan. Es war kein Vergnügen, das kann ich euch versichern. Nun seid ihr dran.

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