When it rains, it pours

Halbwegs erwartet man es ja schon: Wenn der PC1 aufgrund eines wieder einmal kniffligen, dafür aber 'wichtigen' Updates vollkommen unbenutzbar wird2, dann lässt die nächste technische Katastrophe sicher nicht lange auf sich warten.

Genau so kam es dann auch, als ich mit dem Rechner beschäftigt war und mein Mobiltelefon mal eine Stunde unbeaufsichtigt ließ: Die Displaybeleuchtung verweigerte den Dienst. Als ich nach der Hotline-Nummer zu suchen begann, war mir schon klar, was das bedeutete: Gerät bitte einschicken, herzlichen Dank.

Nun gut, ich habe ja noch das gute alte Samsunghandy und bin weiterhin erreichbar; natürlich fällt mit dem N95 auch gleichzeitig mein Navigationssystem aus, da aber mein Auto letzte Woche bereits in die Werkstatt musste und dort immer noch einer Kraftstoffpumpen-Transplantation entgegensieht, habe ich als Ersatz praktischerweise ein Fahrzeug zur Hand, das so etwas bereits eingebaut hat.

Ich kann von Glück reden, dass ich keinen Schrittmacher oder so implantiert habe; der würde sicher demnächst auch den Geist aufgeben.

Ich habe ja aktuell so viel Zeit für Mist dieser Art!

Wie gut, das mein MacBook weiterhin treu seinen Dienst tut.

  1. Damit meine ich meinen "großen" Desktoprechner []
  2. Er bootet nicht einmal mehr; ich kann von Glück reden, das ich Vista installiert habe, mit dem ich die letzte funktionierende Konfiguration wiederherstellen kann; aber es wird sicher dauern []

Geschafft

Du ackerst die ganze Woche durch und hast eigentlich richtig Spaß an der Arbeit, zuhause fällst du nach dem Essen ins Sofa und kurz darauf - mit etwas Glück - landest du im Bett, in dem du sogar ganz ohne die lieb gewonnene Lektüre in kürzester Zeit einpennst und viel zu früher wieder auf den Beinen bist.

Aber erst jetzt, so gegen Freitag abends, merkst du wie erschöpft du wirklich bist, wie tief die Augen in den Höhlen liegen und wie sehr du wirklich eine kleine Unterkunft brauchst, bevor nach dem Gorgmobil auch du selbst aufs Unerfreulichste auf dem Zahnfleisch kriechst.

Wird Zeit, ein paar Sachen zu organisieren. Wenn ich heute abend schon freundliche Einladungen zu Parties mit einem "ich muss ausruhen" ablehne, dann ist das ein Warnsignal. Jawohl.

Captain Tipps

60 Wörter Ich tippe einfach lange nicht so schnell wie andere behaupten. Ich bin sogar nachweislich selbst in Bestform nicht so schnell wie bestimmte Freundinnen leicht besoffen. Ich habe probiert und probiert; schneller als 60 Wörter schaffe ich heute einfach nicht mehr. Meine Chefin ist trotzdem begeistert von meiner Tippgeschwindigkeit und lässt mich papierne Akten in den Computer hacken. Vermutlich ein listiger Plan, um sich dieser lästigen Aufgabe zu entledigen. Ich habe beschlossen, es einfach als Training zu sehen.

Wie schnell seid ihr?

Eine halbe Woche herum …

Und schon sind sie da, die Gebrechen und die Erstaunlichkeiten. Zum einen hat das Kriegspony wohl eine defekte Dieselpumpe. Wird nicht billig, aber wenigstens habe ich dank schraubwütiger Familie einen Ersatzwagen zur Hand. Unerfreulich, aber es könnte schlimmer kommen. Immerhin habe ich einen Job, für den ich das Auto brauche.

Immerhin gehts mir besser als meinem Chef, der von einem blinden aber dafür großen Raubtier angefallen wurde und so für meinen freien Dienstag gesorgt hat, weil das Biest im Büro eingesperrt war. Ich wünschte, das wäre nicht wahr. Ist es aber.

Die trockene Luft brennt mir in den Augen und die übergangswohnung … nun, falls ihr etwas anzubieten habt, ich bin ganz Ohr. The less said, the better. Und aus unerfindlichen Gründen tut meine linke Ferse weh. Rätselhaft. Ich humpele eben einfach etwas rum.

Wenigstens muss ich Freitag abends nicht wie befürchtet tanzen und herumspringen, das fällt aus. Glück gehabt, das wäre eh kein schöner Anblick geworden. Nur … was mache ich denn anstelle dessen? Ausruhen? Pah.1

Komischerweise bin ich trotzdem gut gelaunt; ich hätte nie gedacht wie motivierend ein halbwegs erträglicher Job sein kann. Das ist tatsächlich neu für mich.

  1. Mir fällt schon noch etwas Unterhaltsameres ein. []

Der Weg in den Ruin, Kapitel Eins: Trinken

Als ich klein war, habe ich natürlich keinen Alkohol bekommen. Meine Eltern und meine Großeltern waren sehr verantwortungsbewusst. Allerdings war man sich damals in einem Punkt uneins: Mein Opa war sich im Gegensatz zu meinen Eltern sicher, dass die Schaumkrone auf dem guten Herforder/Barre Pilsener völlig alkoholfrei war und bot es mir zum "'runtertrinken" an. Ich persönlich fand das eklig, aber ein paar Male war ich doch neugierig. Schmeckte ziemlich bitter, aber den Schaum fand ich lustig. Einmal habe ich kurz Kontakt mit Bier bekommen, das reichte dann aus, um mich bis ungefähr in die fünfte oder sechste Klasse hinein zum Abstinenzler zu machen. War das widerlich! Ich bin gleich ins Bad gestürmt. Den Mund ausspülen.

Ich war damals schon ein fürchterliches Weichei, nur hatte ich zu dem Zeitpunkt noch engelshaft hellblonde Locken, derer ich mich bald aus gutem Grund entledigen würde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dann kam ich auf das Gymnasium und wenn man auch ohne engelsgleiche Locken uncool ist, dann wird man auch nicht beeindruckender, wenn man nicht raucht oder trinkt, dafür aber eine beunruhigende Vorliebe für Fantasy hat. Raucher fand ich bescheuert. Dieses Posieren mit ihren ach-so-verbotenen Glimmstengeln! Das waren übrigens genau dieselben Leute, die später ihre bereits erstaunliche Lächerlichkeit mit ihren ach-so-verbotenen Joints perfektionierten.

Ich wohnte auf dem Dorf und das bedeutet, dass ab einem bestimmten Alter 99% aller Freizeitaktivitäten mit dem Suff zu tun hatten. Ich wollte irgendwann auch Freizeitaktivitäten haben.

Eines Tages hatte ich so richtig Durst. Und ich wagte es. Ich ging zu meinen Eltern und sagte die legendären Worte, Worte, die meine Zukunft für immer in schicksalhafte, dunkle Wege leiteten: "Ich hätte lieber ein Bier, bitte."

Und es war gut.

Dummerweise machen Menschen Fehler. Der Fehler einiger Leute aus meiner Klasse war, mich kurz darauf tatsächlich auf eine Party einzuladen. Mich, den ambitionierten Amateur. Sie hatten Alkohol. Und waren bereit, ich abzufüllen. Rechneten nicht mit meinem wenig trainierten Magen. Ich war vielleicht ein wenig ungelenk und musste etwas … spucken. Todesstrahlen1. In etwa dürfen geneigte Leser sich das so vorstellen:

Meine ersten Opfer waren zwei überlebende aus den 70ern. Ein grün-geringelter Teppich und eine unglücklich in der Gefahrenzone platzierte Mix-Kassette mit Songs von Jimi Hendrix. Das Geburstagskind hatte diese Kassette geliebt und begann - ganz allmählich - grundlegend neue und andere Empfindungen für meine Wenigkeit zu entwickeln.

Aber es kam schlimmer. Viel schlimmer. Ich trink nun erstmal ein kleines Detmolder Landbier und mag nicht mehr schreiben. Schaltet morgen wieder ein, wenn ich mehr berichte. Wenn ihr euch traut.

  1. Ich habe ja mal versprochen, nichts zu ekliges zu berichten []

Wertvolle Ratschläge für Tapfere PendlerInnen

Gerade habe ich einiges gelernt. Ich teile diese Informationen mit euch, um euch ein ähnliches Schicksal wie mein heutiges zu ersparen. Tapfer lesen! Am Ende erfahrt ihr, warum ich gerade online bin und nicht arbeite. Ah, ich kann eure aufgeregten Herzschläge bis hier hin spüren …

  1. Bereite einen Notfallplan vor: Es kommt des öfteren vor, dass das tapfere Kriegspony beschließt, seine Pflichten nicht wahrzunehmen. Nach meinen Erfahrungen nach einer Karriere von zwei Wochen Extrempendelns passiert das ungefähr einmal pro Woche. Ein Argument, doch lieber nicht so weit von leidgeprüften Eltern/leidgeprüften Partnern/leidgegprüften Partnern zu wohnen, die ihre Fahrzeuge liebend gern zur Verfügung stellen.
  2. Wenn du unbedingt unterwegs etwas essen willst, dann nimmt auf keinen Fall die Dienste der Raststätten in Anspruch. Nicht die fett-triefenden Koteletts oder Pommes und auch keine Burger King oder Mc Donalds Produkte. Die schlagen dir nicht nur auf den Magen, sie machen dich auch müde. Und hungrig. Nimm ne Banane oder sowas mit. Obst herrscht auf dem Highway.
  3. Hab keine Angst vor Rasern/Dränglern/BMW-Fahrern/Benzpiloten. Sie werden dich sowieso irgendwann umbringen, mit ihrem Fahrstil. Da es kein Entkommen vor ihrer Idiotie gibt, kann man auch entspannt und höflich akzeptieren, dass sie sich selbst und jedes andere lebende Wesen vernichten wollen.
  4. Und bevor du -eventuell mit einem Leihwagen1 - losfährst, dann vergewissere dich vorher, dass du dein Diensthandy einschaltest und auf SMS überprüfst. Könnte ja sein, dass du heute frei hast. Wie ich heute vor der verschlossenen Tür zum Büro feststellte2.
  1. Siehe 1. []
  2. nach mehr als zwei Stunden Hinfahrt ist der Gedanke an sofortige Rückkehr nicht sonderlich angenehm, das kann ich euch versichern []

Testküche

Der Herr Konradowitsch hat da dieses leckere Muschelrezept, welches ich zu gern ausprobieren würde. Auch ohne aphrodisierende blaue Pillen. Noch bin ich nämlich kein Opa, aber dafür um so verfressener. Ich bin sicher, da darf ich auch Venusmuscheln essen. Oder?

Nachhilfe für Opa Werner: (…) Zu Cialis passen am besten Spaghetti alle Vongole, lautet mein Geheimtip, weil ich selbst kürzlich die allerbesten Erfahrungen mit diesem sinnesanregenden Gericht gemacht habe. (…)

(Via Liebe - Schnaps - Tod.)

Und wenn man auf den Titel klickt, bekommt man nebst einigen peinlichen Situationen masikuliner Verzweiflung die genaue Anleitung geliefert. Ich habe das vor dem Schlafen gehen gelesen und nun habe ich Hunger. Hilfe! Ob man das ungefährlich1 zu zweit kochen kann?

  1. Oder ist gefährlich zu zweit immer noch besser als harmlos allein? []

MarsEdit und seine Freunde

Mars Edit Irgendwann braucht jeder Nerd einen Editor für das Weblog, insbesondere wenn man am liebsten zwischendurch schreibt; in Mittagspausen, in Cafés oder an anderen Orten und Zeiten, die sich vielleicht durch Abwesenheit von kostengünstigen Internetzugängen auszeichnen. Wer schon lange Beiträge durch plötzliche Abstürze von System- oder Browser verloren hat - und wer hat das nicht? - wird mir wohl zustimmen: Es wäre nett, offline die Beiträge schreiben zu können.

Natürlich reicht dafür ein simpler Texteditor wie das Windows Notepad oder TextEdit beim Mac. Oder sogar ein Monstrum wie Word. Ich habe ja schon so einiges gesehen.

Aber das ist so lästig mit dem Ausschneiden und kopieren, Rechtschreibprüfung wäre auch noch sehr angenehm, die Formatierung geht verloren, Bilder und andere Anhänge muss man am Ende doch noch von Hand einsetzen - kurz, ein "richtiger" Blogeditor ist eine feine Sache: Der kann die Sachen dann auch gleich auf gorgmorg hochladen, wenn ich wieder am Netz bin. Zack! Für faule Leute wie mich natürlich verführerisch.

Unter Windows gibt es den erstaunlich guten und zudem noch kostenlosen Windows LiveWriter, der eigentlich wirklich alles ganz ansprechend erledigt - solange man kein Techie ist und hin und wieder im Webeditor einen Blicke auf den Code hinter dem bequem veröffentlichten Editor wirft. Uff! Das ist kein schöner Anblick und noch schwieriger zu verstehend als ihr euch vermutlich vorstellt.

Nun blogge ich inzwischen aber vorzugsweise mit dem MacBook1 und mag auch lieber ein Tool, das hier richtig gut läuft. Qumana ist kostenlos und ist ein Geschmacksrichtungen für Windows und Mac OS zu haben. Leider ist es plump und hässlich, sogar wenn man es unter den Standarts von Windowsprogrammen bewertet, Umlaute mag es auch nicht. Schade, netter Versuch.

Nun gut. Der liebe Hendrik hatte mich gleich am ersten Tag nach Kauf des Mac gefragt, ob ich eigentlich schon MarsEdit gekauft hätte. Nein, hatte ich nicht und ich dachte auch nicht daran, Geld für Software auszugeben, wenn auch kostenlose Alternativen greifbar waren.

Irgendwann war ich weich und schnappte mir die Demoversion; die gut €20 für die Registrierung habe ich wenige Stunden später abgedrückt: Es macht einfach Spass, wenn (immer noch nicht perfekte) Software genau das tut, was sie soll. In Sekunden eingerichtet, etwas schreiben, Bilder einbauen, von flickR oder von der Festplatte - kein Problem. "Tagging" - kein Problem. Sonderzeichen? Kein Problem.

übrigens vermurkst ME nicht den Quellcode der Beiträge. Es geht also doch, liebe Blogeditor-Autoren überall auf der Welt.

  1. Das liegt auch daran, dass ich es oft dabeihabe []

Tante II

Ich habe vor kurzer Zeit über eine sehr unangenehme Beerdigung geschrieben. Die meisten Anwesenden hatten schon vor langer Zeit alle Brücken zu der Verstorbenen abgebrochen, was vielleicht auch nur zu verständlich war, denn sie war keine einfache Person gewesen, direkt, meistens laut und manchmal schroff.

Sie hat mich sehr gemocht.

Und ich weiss bis heute nicht recht, was sie da in mir gesehen hat.

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn jemand nach einem langen Koma verstirbt, nicht eigentlich verstirbt, eher: Man lässt die Person sterben, man schaltet die Geräte ab. Im Grunde hat man sich schon lange verabschiedet, ab dem Tag, an dem es die Nachricht gab, dass es keine Hirnaktivität mehr gab, dass man sie nur noch am Leben hielt, um die Organentnahme zu erleichtern. Nun, das glaubte ich jedenfalls. Man kommt gar nicht zum trauern. Darf man jetzt damit schon anfangen? Sie ist doch noch gar nicht tot. Man akzeptiert die Sache. Lebt weiter. Verschiebt die Trauer. Und irgendwie ist sie dann verschwunden, als man sie gerade braucht, in der Kapelle, vor dem Sarg.

Man schaut sich die Leute an, wie sie sich ansehen. Schuldbewusst? Geht es ihnen etwa genauso? Ich habe nicht die ausgeprägte Abneigung gegen alles Kirchliche, die die Verstorbene bei jeder Gelegenheit vertrat; es fühlt sich trotzdem nicht richtig an. Trotzdem komme ich zur Ruhe.

Wir gehen raus und der eisige Wind weht uns um die Ohren und lässt einen frösteln. Ich werfe etwas Erde auf den Sarg und bleibe einen Moment stehen. Ich muss schlucken und erst jetzt wird mir eigentlich wirklich gegenwärtig, das sie fort ist. Und das sie wichtig war für mich, das sie mich wohl als Jugendlichen mehr verstanden hat als die allermeisten Erwachsenen, wie sehr sie mich beeinflusst hat in vielen Dingen, vor allem: Nie etwas zu tun, das ich nicht aus überzeugung tue. Seinen Mund aufzumachen. Kein Duckmäuser zu sein. Sie fehlte mir plötzlich sehr, in diesem Moment. Das Gefühl ist seitdem nicht mehr verschwunden.

Samstag morgen bin ich aufgewacht und dachte daran, das sie mich nicht wie gewohnt aus dem Bett geklingelt hat, obwohl das schon seit langer Zeit mehr passiert war. Ich hätte noch eine Menge Fragen gehabt, die mir vor einer Woche nicht in den Sinn gekommen wären.

Verrückte Tante

spax_schraube.jpgIch glaube, jeder von uns hatte irgendwann während seiner Jugend eine schräge Tante. In meiner inzwischen zerstrittenen Familie musste man nicht einmal "richtig" verwand sein, um eine Tante zu sein. Tante waren die Frauen, die mein Vater oder meine Mutter oder meine Oma mit diesem Titel versahen, denn genau das war es - ein Ehrentitel und nicht etwa eine Bezeichnung für Geschwister meiner Eltern. Eine Tante aus der persönlichen Sammlung muss unbedingt seltsam sein. Eine Diva, die einem Schläge für den Fall androht, sie "Tante" zu nennen.

Natürlich hatte ich auch so eine, genauso wie ihr auch. Meine war eine Freundin meiner Mutter und nicht nur eine Freundin, sondern sie wäre "die" beste Freundin aus dem Sandkasten gewesen, wenn sie in einen Sandkasten gespielt hätten. Die besondere Sorte bester Freundin, die die eigenen Eltern wohl immer etwas argwöhnisch beäugt haben, weil sie offensichtlich einfach zu chaotisch und anstrengend war, Bad News. Tatsächlich hatten meine Großeltern damals Recht. Die gehörte hier nicht aufs Dorf. Damals nicht und später nicht. Ein seltsamer, wenn schon nicht schlechter Einfluss. Einfach viel zu schön, damals, zu extravagant. Zu dunkle, große Sonnenbrillen. Sie wohnte in einem reduziert eingerichteten Haus, voll mit dem kostspieligen Alessi-Krams, Kurzhaardackeln und Bildbänden über moderne Kunst. Warum ist die nicht weg gezogen, bevor es zu spät war? Das habe ich nie verstanden; vielleicht wäre sie nicht mehr anders genug gewesen für ihren Geschmack, weniger Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ihrer spießigen Nachbarn?

Schon bei der Geburt hatten die Ärzte ihr keine Chance gegeben, aber sie hat natürlich überlebt, allein schon um sie zu ärgern. Ich habe nie wieder jemanden gekannt, der so viele Notoperationen überlebt hat, so Verabredungen mit zu vielen Flaschen zu teurem Weines und definitiv zu heftigen Tabletten irgendwie überstanden hat. Das war die Sorte Tante, die Samstag morgens völlig zugedröhnt stundenlange, unaufhaltsame Telefonate über ihr schreckliches Leben führt und einem dann noch verkündet - "Denis, halt einfach die Klappe und hör mir zu!" - wie ich endlich mal mein Liebesleben in die allerbeste - ihre eigene - Richtung gebogen kriege.Tanten akzeptieren da keine Widerworte; das kommt mit dem Titel. Ihr kennt das ja, oder?

Aber das war auch eine lustige Person, wenn es ihr mal gut ging, mit einer teerigen Lache, wie sie nur nach Jahren leidenschaftlichen Kettenrauchens auftritt. Großzügig und offen und immer an allem interessiert, was man gerade so machte. Keine Kinder hatte sie, natürlich. Bin ziemlich sicher, dass sie das bewusst so gehalten hat, glaube sie wusste das sie nicht für lange auf der Welt sein würde.

Immerhin hat sie ein paarmal versucht, sich umzubringen, aber ihre Neigung zum Unpraktischen machte ihr einen Strich durch die Richtung. Kein Wunder, dachte ich; sie ging allen um sich auf die Nerven und sie war traurig einsam geworden, Mann und Hunde und hin und her, egal. Wollte nicht mehr raus gehen.

Naja, dann war es plötzlich zuende und keiner war wirklich überrascht. Lag wochenlang im Koma und dann hatte sich gegessen mit dem "Ätsch, ich leb doch einfach noch mal weiter, ihr bescheuerten Ärzte." So hatte sie sich das gewünscht. Organspende (die Verwandten hassten das) und dann: Sechs Spax-Schrauben durch den Sarg, damit sie da keiner rausholt. Auf Nummer Sicher.

So, Freitag war dann die Beerdigung. Alle waren da, Gesichter die ich lange, lange nicht gesehen hatte. Der viel zu kleine Saal voll wie Hastunichtgesehn. Kein Platz für die vielen Blumen ("Ich will nur weiße Blumen, wenn ich abkratz!") und Kränze. Und die hunderttausend Kerzen.

Ich dachte: Wenn hier einer hustet, nur etwas lauter, dann steht hier alles in Flammen. Massenpanik, unschön totgetrampelte Klatschbasen aus der Straße nebenan. Katastrophe, Drama! Schau, da hat schon wieder einer beinahe einen Kerzenleuchter umgeschmissen. Die blöde routinierte Pastorin wars; die hat auch so brennbare Ärmel. Sollte besser aufpassen.

Gemeindehaus durch panisch brennende Pastorin während einer Beerdigung dem Erdboden gleichgemacht.

Das hätte der Tante aber wirklich gefallen.

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