Es war Nacht und ich saß halbwegs nüchtern und halbwegs müde an einer Theke. Einer setzte sich neben mich und musterte mich. Grauer Bart, er war ebenso etwas beleibter, wie sein Nebenmann. Beide sahen ungefährlich und gut gelaunt zu sein, also reagierte ich angemessen auf die Blicke: Mit einem freundlichen Lächeln.
„Hey“, sagte der eine.
„Hey“, erwiderte ich.
Pause.
„Hey… sag mal, wie alt bist Du eigentlich?“
Typischerweise erwarte ich diese Frage erst eine Weile nach solchen Details wie „Wie geht’s?“, „wie heißt Du eigentlich?“ oder, besonders gefürchtet: „Öfter hier, eh?“, daher sagte ich einen Moment nichts. Mein Alter halte ich auch nicht gerade für ein ergiebiges Gesprächsthema mit Fremden. Er ließ nicht so einfach locker
„Na, sag schon, wie alt bist du, hm?“
Viel zu spät fiel mir auf, dass sich Leute mit schwarz-weiß-blauen Kleidungsstücken eingefunden hatten und diese beiden gehörten dazu. Heimspiel in Bielefeld. Das bedeutete: Mächtig besoffene Leute überall in der Stadt und ausufernde Fussballdiskussionen, die mich als maximal Fussballdesinteresierten viel zu viel kostbare Lebenszeit kosten könnten. Ich beschloss, die Flucht nach vorn anzutreten.
„Wie alt schätzt Du mich denn?“
Er schien nachzudenken, schaute seinen Begleiter an, dann wieder mich.
„Naja. Älter als 30 jedenfalls nicht.“
Die Thekenkraft, die alles mitgehört hatte, grinste gerade diskret genug, um das Gespräch nicht zu unterbrechen. Sie jedenfalls amüsierte sich bestens und tat ihr Bestes um nicht zu lachen.
„Häh? 30 Jahre? Ne, ich bin… ein klein wenig älter.“
„Ne, wirklich. 30.“
Ich dachte an meinen grauen Vollbart, an meine reichlich vorhandenen Falten, meine zu keinen Zeitpunkt jemals knabenchortaugliche Stimme. Ich musste grinsen, nicht unbedingt die beste Idee im Umgang mit Besoffenen. Aber er hatte mich überrumpelt und ich vergass alle Vorsicht:
„Willst Du, dass ich Dir ein Bier ausgebe oder willst du mich mit nach Hause nehmen?“
Zum Glück bin ich nicht verhauen worden. Das angebotene Bier lehnte ich aus Angst vor weiteren Diskussionen dieser Art ab und ergriff bei nächster Gelegenheit die Flucht nach Hause.

Schreibe einen Kommentar