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Lichte und schattige Tage.

Schlagwort: #bielefeld

  • Die Sache mit dem Alter und kostenlosen Bieren

    Es war Nacht und ich saß halbwegs nüchtern und halbwegs müde an einer Theke. Einer setzte sich neben mich und musterte mich. Grauer Bart, er war ebenso etwas beleibter, wie sein Nebenmann. Beide sahen ungefährlich und gut gelaunt zu sein, also reagierte ich angemessen auf die Blicke: Mit einem freundlichen Lächeln.

    „Hey“, sagte der eine.
    „Hey“, erwiderte ich.

    Pause.

    „Hey… sag mal, wie alt bist Du eigentlich?“

    Typischerweise erwarte ich diese Frage erst eine Weile nach solchen Details wie „Wie geht’s?“, „wie heißt Du eigentlich?“ oder, besonders gefürchtet: „Öfter hier, eh?“, daher sagte ich einen Moment nichts. Mein Alter halte ich auch nicht gerade für ein ergiebiges Gesprächsthema mit Fremden. Er ließ nicht so einfach locker

    „Na, sag schon, wie alt bist du, hm?“

    Viel zu spät fiel mir auf, dass sich Leute mit schwarz-weiß-blauen Kleidungsstücken eingefunden hatten und diese beiden gehörten dazu. Heimspiel in Bielefeld. Das bedeutete: Mächtig besoffene Leute überall in der Stadt und ausufernde Fussballdiskussionen, die mich als maximal Fussballdesinteresierten viel zu viel kostbare Lebenszeit kosten könnten. Ich beschloss, die Flucht nach vorn anzutreten.

    „Wie alt schätzt Du mich denn?“

    Er schien nachzudenken, schaute seinen Begleiter an, dann wieder mich.

    „Naja. Älter als 30 jedenfalls nicht.“

    Die Thekenkraft, die alles mitgehört hatte, grinste gerade diskret genug, um das Gespräch nicht zu unterbrechen. Sie jedenfalls amüsierte sich bestens und tat ihr Bestes um nicht zu lachen.

    „Häh? 30 Jahre? Ne, ich bin… ein klein wenig älter.“

    „Ne, wirklich. 30.“

    Ich dachte an meinen grauen Vollbart, an meine reichlich vorhandenen Falten, meine zu keinen Zeitpunkt jemals knabenchortaugliche Stimme. Ich musste grinsen, nicht unbedingt die beste Idee im Umgang mit Besoffenen. Aber er hatte mich überrumpelt und ich vergass alle Vorsicht:

    „Willst Du, dass ich Dir ein Bier ausgebe oder willst du mich mit nach Hause nehmen?“

    Zum Glück bin ich nicht verhauen worden. Das angebotene Bier lehnte ich aus Angst vor weiteren Diskussionen dieser Art ab und ergriff bei nächster Gelegenheit die Flucht nach Hause.

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  • Der Kampf gegen die Schrumpfung der Welt

    Der Kampf gegen die Schrumpfung der Welt

    Vor einer Weile ist mir aufgefallen, dass meine Welt kleiner geworden ist. Ich stellte fest, dass ich seltener die Stadt der Wunder verlasse und wenn ich das tue, dann zumeist an bekannte Orte, an denen ich mich mit wohlbekannten Personen treffe und erwartbare Dinge unternehme, esse oder sehe.

    In der Stadt, die sie Bielefeld nennen, ist es nicht anders: Ich nehme an wiederkehrenden Terminen teil, ich gehe regelmäßig in dieselben Cafés, Kneipen und Restaurants, in denen ich derart zum Inventar gehöre, dass ein Großteil der Leute mich kennt, aber meine Gewohnheiten sind dort so vertraut, dass man überrascht ist, wenn ich dann Unerwartetes tue oder unentschuldigt fehle. Es geht nicht so weit, dass ich mich dort krank melden müsste, aber man erkundigt sich und mahnt gelegentlich – nicht ganz ernstgemeint – meine seltenen Fehlzeiten an.

    Das hat seinen Charme und ich fühle mich gemocht und geschätzt, ich habe mit guten, freundlichen Menschen zu tun, die mir wichtig sind.

    Es gefällt mir überhaupt nicht, dass ich weniger Neues sehe, dass ich mich auf das Vertraute verlasse und mich gelegentlich dabei ertappe, lieber doch lieber nicht etwas weiter zu fahren, um zum Beispiel ein Konzert zu sehen.

    Gut vorstellen kann ich mir, dass diese verkleinerte Welt eine Folge der frühen Pandemie ist. Früher haben sich Leute zu Kaffee und Kuchen oder für gelegentlich zu viel Bier besucht. Meine Eltern hatten oft Freund*innen oder Leute von der Arbeit zu Besuch. In meiner Erfahrung starben solche Besuche lange vor Corona langsam aus, aber natürlich ist das eine rein anekdotische Beobachtung. Liegt es daran, dass ich älter geworden bin ? Glaube ich nicht so recht. Soziale Netzwerke? Hm. Vielleicht?

    Glücklicherweise höre ich gern neue Musik und nicht nur den Kram aus vergangenen Jahrzehnten und ebenfalls zum Glück probiere ich gern neue Spiele aus und so weiter – ganz und gar fossil bin ich noch nicht.

    Bei ein paar Leuten um mich herum bemerke ich Ähnliches. Dieses ins ganz Private zurückziehen, dieses „ach, früher bin ich da auch immer hingegangen, aber das ist lange her, weiß auch nicht warum ich aufgehört habe.“

    Für das kommende Jahr will ich die Schrumpfung meiner Welt besser bekämpfen. Das ist der eine Vorsatz – oder besser: Das ist mein Wunsch.

    Die Feiertage sind nach und es war kein gutes Jahr für mich, wenn ich dabei allein die letzten zwei, drei Monate denke, was mir allzu leicht passiert. Aber insgesamt … da war schön einiges an wundervollen Momenten.

    Das Wundervolle, das sind für mich zu einem großen Teil die fabelhaften, seltsamen Leute um mich herum. Kann gut sein, dass ich euch nicht so oft gerecht wurde, wie es mir gefallen hätte, aber ihr seid einfach das: Wundervoll.

    Passt gut auf euch auf und lasst von euch hören.

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