Wer von euch mich ein wenig besser kennt und ich in unserer Bekanntschaft an einen Punkt kam, über Putzen zu reden, das wird ein Detail über mich wissen, das ich gern erwähne: Ich mag es sehr, wenn meine Wohnung sauber und aufgeräumt ist. Leider habe ich keine derart ausgeprägt Vorliebe für die Tätigkeiten, die meine Wohnung in den gewünschten Zustand bringen, zudem lenken mich Bücher, Musik, Blogtexte und so weiter oftmals effektiv davon ab, sie durchzuführen. Ich wische regelmäßig, ich bringe den Müll raus und ich sauge Staub, solche Dinge wie „die Fenster putzen“ schiebe ich gern vor mir her. Immerhin wohnte ich im Erdgeschoss nah an der Straße und die Wasserflecken sind bald wieder da – außerdem gebe ich zu bedenken, dass die Wohnung sich bei leicht getönten Scheiben sicherlich nicht so schnell aufheizt.
An Manifestation und Schicksal glaube ich nur, wenn es mir gerade in die Geschichte passt, aber heute war ich kurz davor, dass sich meine Untermotivation ausgezahlt hat.
Das war so:
Ich ahne, was ihr gerade denkt und ihr habt Recht: Manchmal bin ich faul.
Es ist August und so langsam beginnt die Zeit der Fliegen. Fliegen sind richtig, die Mauersegler zum Beispiel hätten gern mehr davon und auch mich stören sie nur dann, wenn sie sich auf mein Essen oder mich setzten, was sie mit den meisten anderen Lebewesen gemeinsam haben – Ausnahmen sind mir namentlich bekannt, werden hier aber aus Gründen der Diskretion verschwiegen.
Eine dieser Fliegen summte einen runden Tag in meiner Wohnung herum und tat Fliegendinge: Sich auf mich zu setzen und empfindlich zu kitzeln, hatte ihr Schicksal bereits besiegelt. Aber die Vollstreckung des Urteils (Verweis aus der Wohnung auf Grundlage des Hausrechts oder alternativ Hinrichtung per Fliegenklatsche) zog sich wie nicht selten dahin – die Judikative hatte ihre Aufgabe ausnahmsweise schneller erledigt als die Exekutive und so summte das ekle Insekt auch noch durch die Wohnung, als ich letzte Nacht nach einer sehr langen, ereignisreichen und überaus angenehmen Nacht mit angenehme Menschen mit dem Ziel zurückkehrte, möglichst umgekitzelt und unbesummt einzuschlafen.
Die Fliege verfolgte mich oder besser dem Licht, als ich ins Bad ging und ich nutzte die Gelegenheit, sie dort einzusperren. Die Exekutive (ich) war anderweitig motiviert und ging schlafen, hingerissen von ihrer eigenen Gerissenheit.
Am folgenden Mittag öffnete ich die Tür zum Badezimmer und Sekunden später bereute ich es: Ich erwartete halb das gefürchtete Summen und malte mir Jagdszenen über den Rest des Tages aus. Indes: Stille?
Merkwürdig.
Ich warf einen Blick auf das wenig ansehnlich Badfenster – ja, da waren nicht wenige Wasserflecken und ja, da waren einige Spinnweben und da war eine Fliege, die sich jedoch nicht rührte. Ich kam näher und sah eine winzige Spinne auf der Fliege hocken, die sich in ihren persönlichen Netz verfangen hatte. Da hatte vor mir jemand anderes mit dem Frühstück begonnen. Ich hegte dahingehend aber keinerlei Groll.
Anstatt dessen war ich zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden ausnehmend zufrieden mit mir: So hatte ich doch – allein durch die Vermeidung von geringen Anstrengungen – das Problem sich selbst lösen lassen, eine nützliche Spinne gefüttert und die Fliege auf artgerechte Weise in den Kreislauf des Lebens übergeben und ich musste nicht einmal töten, das hatte die Mitbewohnerin übernommen.
Wenn es doch immer so laufen würde!

