gorgmorg logo

Lichte und schattige Tage.

  • Wie Schnee klingt

    In der Stadt vergisst man die alten Geräusche, weil es so viele neue gibt und die meisten sind laut. Eben habe ich mich erinnert, als ich durch das dunkle Viertel lief und mir der Pulverschnee mir vergebens in die Augen wehen wollte, einer der seltenen Vorteile des Brillenträgertums neben dem bedeutungsvollen die Brille-auf-die-Nase-Hochschiebens.

    Ssssssssssss, nur viel leiser als Du das denkst.

    Da war es dann wieder und dann die Erinnerungen an das mit den Großeltern durch den Wald gehen.

    Die Erinnerung, irgendwo auf dem Weg nach Oppenwehe den Wagen in Zeitlupe in den Graben gefahren zu haben, den einzigen Wegweiserweiser weit und breit mitgenommen und damit ohne Zeugen den vermutlich langsamsten wirtschaftlichen Totalschaden der Geschichte fabriziert. Auf dem Weg zur Telefonzelle, nur noch dieses Geräusch und das Gefühl totalen Versagens.

    Ich mag den Klang noch.

    Fediverse reactions
  • Der Kampf gegen die Schrumpfung der Welt

    Der Kampf gegen die Schrumpfung der Welt

    Vor einer Weile ist mir aufgefallen, dass meine Welt kleiner geworden ist. Ich stellte fest, dass ich seltener die Stadt der Wunder verlasse und wenn ich das tue, dann zumeist an bekannte Orte, an denen ich mich mit wohlbekannten Personen treffe und erwartbare Dinge unternehme, esse oder sehe.

    In der Stadt, die sie Bielefeld nennen, ist es nicht anders: Ich nehme an wiederkehrenden Terminen teil, ich gehe regelmäßig in dieselben Cafés, Kneipen und Restaurants, in denen ich derart zum Inventar gehöre, dass ein Großteil der Leute mich kennt, aber meine Gewohnheiten sind dort so vertraut, dass man überrascht ist, wenn ich dann Unerwartetes tue oder unentschuldigt fehle. Es geht nicht so weit, dass ich mich dort krank melden müsste, aber man erkundigt sich und mahnt gelegentlich – nicht ganz ernstgemeint – meine seltenen Fehlzeiten an.

    Das hat seinen Charme und ich fühle mich gemocht und geschätzt, ich habe mit guten, freundlichen Menschen zu tun, die mir wichtig sind.

    Es gefällt mir überhaupt nicht, dass ich weniger Neues sehe, dass ich mich auf das Vertraute verlasse und mich gelegentlich dabei ertappe, lieber doch lieber nicht etwas weiter zu fahren, um zum Beispiel ein Konzert zu sehen.

    Gut vorstellen kann ich mir, dass diese verkleinerte Welt eine Folge der frühen Pandemie ist. Früher haben sich Leute zu Kaffee und Kuchen oder für gelegentlich zu viel Bier besucht. Meine Eltern hatten oft Freund*innen oder Leute von der Arbeit zu Besuch. In meiner Erfahrung starben solche Besuche lange vor Corona langsam aus, aber natürlich ist das eine rein anekdotische Beobachtung. Liegt es daran, dass ich älter geworden bin ? Glaube ich nicht so recht. Soziale Netzwerke? Hm. Vielleicht?

    Glücklicherweise höre ich gern neue Musik und nicht nur den Kram aus vergangenen Jahrzehnten und ebenfalls zum Glück probiere ich gern neue Spiele aus und so weiter – ganz und gar fossil bin ich noch nicht.

    Bei ein paar Leuten um mich herum bemerke ich Ähnliches. Dieses ins ganz Private zurückziehen, dieses „ach, früher bin ich da auch immer hingegangen, aber das ist lange her, weiß auch nicht warum ich aufgehört habe.“

    Für das kommende Jahr will ich die Schrumpfung meiner Welt besser bekämpfen. Das ist der eine Vorsatz – oder besser: Das ist mein Wunsch.

    Die Feiertage sind nach und es war kein gutes Jahr für mich, wenn ich dabei allein die letzten zwei, drei Monate denke, was mir allzu leicht passiert. Aber insgesamt … da war schön einiges an wundervollen Momenten.

    Das Wundervolle, das sind für mich zu einem großen Teil die fabelhaften, seltsamen Leute um mich herum. Kann gut sein, dass ich euch nicht so oft gerecht wurde, wie es mir gefallen hätte, aber ihr seid einfach das: Wundervoll.

    Passt gut auf euch auf und lasst von euch hören.

    Fediverse-Reaktionen
    Fediverse reactions
  • Mauerkatze

    eine kleine grauschwarze Katze auf einer Mauer, die uns ansieht

    Auf einem meiner samstäglichen Spaziergänge passierte ich eine kleine, weiß-graugetigerte Katze, die mich auf diese neugierige bis desinteressierte Weise anschaute, die Katzen eigen ist.

    Ich schaute zurück, wie es von mir erwartet wurde.

    „Miau.“ kommentierte die Katze, dann ging sie fort und ich machte mich ebenfalls auf den Weg.

    Aus dem Augenwinkel bemerkte ich eine Bewegung, es folgte das nächste „Miau.“ und ein paar Minuten später folgte sie mir – ich auf dem Gehweg, meine Begleitung auf den Mauern der Gärten links von mir. Sie sprang über Ausfahrten und gab sich sichtlich Mühe, mit mir Schritt zu halten, ohne zu gehetzt zu wirken. Eine respektable Leistung, denn es handelte sich um eine kleine Katze mit kurzen Beinen.

    Sie blieb sitzen. Ich blieb stehen.

    Sie schaute mich an. Offensichtlich war, dass ich sie nicht gestreichelt hatte und ich in diesem Moment eine Chance bekam, diesen Fehltritt gutzumachen. Ich tat wie mir geheißen und die Katze verschwand.

    Vielleicht sind wir jetzt befreundet.

    Manchmal ist es so, als könnten Katzen sprechen, aber sie verzichteten aus freien Stücken darauf: Es würde nichts ändern.

    Wie die Katze in Peter S. Beagles The Last Unicorn es sagte – sie könnten uns die Dinge einfach sagen wie sie sind oder uns die Wege zeigen, aber sie sind Katzen und keine Katze hat jemals eine klare Antwort auf irgendeine Frage gegeben.

    Fediverse-Reaktionen
    Fediverse reactions
  • Könnte ich mich von vor zwei Monaten nochmal sehen, bitte?

    Das hier ist mein persönlicher Blog und gleich – das soll als Warnung dienen – schreibe ich einen Absatz über mich und dann mehr über mich und vielleicht ende ich mit einem guten Gedanken. Wenn ihr euch zum Weiterlesen entschlossen habt – vielen Dank, dass Du dabei bist, geneigte Person – dann wappnet euch, denn hier geht es los:

    Wenn ich an dieser Stelle behauptet hätte, dass ich mich die meiste Zeit über gut fände, dann wäre das eine Lüge gewesen. In Sachen Selbstliebe bin ich kein Vorbild, der Begriff allein ist mir suspekt. Trotz alldem: Mit der Zeit habe ich mich damit arrangiert, dass ich womöglich nicht der größte Unmensch dieser Welt bin. Dass ich mit Sicherheit für einige Verwirrung unter den Menschen in meiner Umgebung verantwortlich bin, aber am Ende nicht viel Schaden angerichtet habe – und dann selten aus böser Absicht. Ich kann mich nach vielen Jahren mit mir arrangieren und mich aushalten – über längere Zeiträume. Dass andere mich liebenswert finden könnten, schockiert mich beinahe ebenso wie es mich freut.

    Kurz: Ich habe mich nach langem Zusammenleben an mich gewöhnt. Die Alternativen gefielen mir nicht.

    Dieser Herbst ist hart für mich. Dass die Arbeit hart werden würde, das hatte ich geahnt und bewusst auf mich genommen, nicht aber wie hart und wie viele andere Sachen dazu gekommen sind, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Wenn du jetzt Gedanken hast wie „Das ist Leben, Denis – ich dachte, du weißt, wie das läuft, du Trottel?“, dann müsste ich dir zustimmen: „Ich weiß. Aber ich hatte Hoffnung, weißt du?“ – und du: „Merkste selber, du Trottel, oder?“

    Eine merkwürdige Beobachtung habe ich gemacht, die ich in all dieser hoffentlich endlichen Düsternis teilen möchte: Zu meiner nicht unbeträchtlichen Überraschung entwickle ich etwas wie Sympathie für August-Denis. Der war besser darin, die Leute, die er gern hat, zum Lachen zu bringen, der war entspannter und der hatte seltener das Gefühl, eine Rolle zu spielen und die nicht mal überzeugend zu verkörpern. August-Denis, der war in Ordnung, Moment: Halbwegs in Ordnung – wir wollen nicht übertreiben. August-Denis, der hat mich nicht so hart genervt.

    Ich weiß, es wird mir besser gehen. Ich weiß, dass die eine gute Sache am Winter die Sicherheit ist, dass Frühling nicht mehr weit sein kann – wenn nicht die Jahreszeit, dann das Gefühl.

    Ich werde dafür sorgen müssen, dass ich nie wieder einen Herbst wie diesen überstehen muss. Das ist einfach nicht gesund.

    Diese Zeilen schreibe ich, damit ich nicht vergesse, dass ich mich ein bisschen mehr mögen kann.

    Irgendwie finde ich das auf eine verquere Weise ein bisschen tröstlich. Auch wenn es nur „August-Denis“ sein mag, dieser halbwegs erträgliche Typ.

    Passt gut auf euch auf und macht euch nicht zu viele Sorgen um mich. Hoffentlich bin ich bald wieder ein bisschen mehr ich selbst, das Licht am Ende des Tunnels ist jedenfalls irgendwo da hinten.

    Irgendwo dahinten finde ich mich wieder. Ihr euch auch, wenn ihr euch verloren haben solltet (vielleicht helfen wir uns?).

    Vertraut mir.

    Fediverse reactions
  • Nun ja.

    Unter dieser Adresse ist zuletzt 2023 etwas erschienen und schon zu diesen Zeitpunkt hatte ich nur noch jährlich veröffentlicht. Schließlich habe ich dann ganz aufgehört.

    Nichts zu sagen. Nichts zu schreiben. Keine Worte.

    Aber ich habe das Gefühl, dass sich das ändern könnte. Keine Versprechen.

    Aber wenn ihr mögt, schaut mal wieder vorbei.

    Ich würde mich freuen.

    Fediverse reactions